Großbeeren - Das Zeug in der kleinen Porzellanschale sieht aus wie klebriger Haferschleim. Ein grauer Kinderbrei, der aussieht wie „Diese-Pampe-will-ich-überhaupt-nicht-essen“. Michaela Barthel steht in der Küche ihres Haues in Großbeeren (Teltow-Fläming) und rührt den Brei einmal kräftig um. In der Schale sind geschrotete Körner – Dinkel, Hafer und Buchweizen – die sie am Vorabend in ihrer hölzernen Mühle gemahlen und über Nacht in Wasser eingeweicht hat.

Dieser Brei ist ihr alltägliches Frühstück. Für sie sind diese Körner allerdings nicht nur Lebensmittel, sondern Überlebensmittel: Denn ohne ihre strenge Ernährung wäre Michaela Barthel wohl sehr schnell wieder so schwer krank wie früher.

Keine zehn Minuten später steht das Frühstück fertig auf dem Tisch. Es sieht nun ganz anders aus – überhaupt nicht mehr langweilig und grau, sondern sehr bunt und frisch. Und es schmeckt vor allem richtig gut. Die 52-Jährige hat nicht nur einen Klecks frisch geschlagene Sahne obenauf getan sowie eingekochte blutrote Kirschen und Walnüsse. Sie hat auch eine Banane untergerührt, frische Apfelstreifen, geviertelte Pflaumen und Feigen.

Nun sitzt sie auf ihrer sonnigen Terrasse und isst ganz bedächtig. „Ich esse immer langsam“, sagt sie. „Mir geht es nicht nur um gesunde Kost, ich will das Essen richtig schmecken und genießen.“

Michael Barthel hat aus einer schweren gesundheitlichen Krise einen Ausweg gefunden, indem sie ihr Ernährung radikal geändert hat. Da sie damit wieder gesund wurde, will sie ihre Erfahrungen auch weitergeben und hat ein Kochbuch veröffentlicht. Außerdem bietet sie gerade im Rahmen der bundesweiten Genusstage Essensberatungen an.

Fest für den Gaumen

Ihr Mann Helmut setzt sich dazu und rührt die Sahne unter die Körner. „Fett ist wichtig als Geschmacksträger, es soll ja auch gut schmecken, nicht nur gesund sein“, sagt der 59-Jährige, der mit seiner Frau eine Werbeagentur betreibt und der Chef der örtlichen SPD ist. „Gesund zu leben, muss auch Spaß machen, es muss auch ein Fest für Gaumen und Seele sein.“

Helmut Barthel ist heute ein Fünf-Tage-Vegetarier, bei ihr sind es eher sechs Tage. Ansonsten findet er die Ernährungsregeln seiner Frau richtig gut. Auf der Terrasse steht der Grill für Fisch, Gemüse und Lamm.

Michaela Barthel hat ihr Essen nicht ganz freiwillig umgestellt. Sie hatte eine Darmkrankheit mit schweren Blutungen. Die Medikamente halfen nur eine Weile. „Dann kam der Rückschlag, und es war schlimmer als zuvor.“ Sie musste extrem viel Arznei nehmen, sei völlig überdosiert gewesen, habe nur noch im Dämmerzustand gelebt und kam nicht mal mehr die Treppe hoch. „Ich habe alle herkömmlichen und alternativen Methoden probiert“, sagt sie. „Aber es wurden nur die Symptome bekämpft, nicht die Ursachen.“ Dann schenkte ihr eine Freundin eine Getreidemühle. Sie stellte ihre Ernährung um und war nach etwa 18 Monaten wieder gesund. „Das ist jetzt zwölf Jahre her. Es scheint bei mir zu helfen.“

Honig statt Industriezucker

Michaela Barthel verzichtet auf Industriezucker und ersetzt ihn durch Honig oder reife Früchte. Vor allem aber isst sie keine Auszugsmehle mehr, wie es sie im Laden gibt. Denn den Körnern werden vor dem Mahlen die Schalen und der ölhaltige Kern entfernt, damit das Mehl bei der Lagerung nicht ranzig wird. „So fehlen die meisten Vitalstoffe und Vitamine.“ Für ihr Kochbuch hat sie 70 regionale Rezepte zusammengetragen.

„Ich habe vier Kinder groß gezogen, da hat man gute Grundlagen.“ Für das Buch ging sie auf die Suche, fand alte Aufzeichnungen mit Rezepten in kleinen Heimatmuseen und fragte Landfrauen. Die Rezepte ergänzte sie auch durch Erinnerungen an Gerichte aus ihrer Kindheit. Dann reduzierte sie die Zuckermengen drastisch und ersetzte den Zucker durch Honig. Beim Mehl musste sie eine Weile probieren, bis klar war, wie viele Körner sie wie fein mahlen musste.

Wichtig ist ihr, dass niemand ewig in der Küche stehen muss. „Kochen soll keine Arbeit sein, sondern Spaß machen.“ Bei ihr ist alles möglichst frisch: Sie pflückt Obst auf den Plantagen der Region, ebenso den Holunder, aus dem sie Sirup macht. Sie und ihr Mann backen Brot, haben einen Kräutergarten und ein Gewächshaus am Haus.

Zum Mittag macht sie eine Suppe aus selbst gezogenem Kürbis. Sie rührt ein selbst gemachtes Hagebuttenmus unter, das die Suppe fruchtiger macht. Dazu eine feine Ingwernote, Pfeffer mit Rosenblättern, frische Sahne, dunkles Kürbisöl vom Spargelbauern von nebenan und ein paar Kürbiskerne.

„Einfach, aber lecker“, sagt ihr Mann. Er findet dass hierzulande das Essen viel zu gering geschätzt wird. „Bei uns in Deutschland stehen die teuren Autos vor den Billigrestaurants, aber in Frankreich stehen vor den edlen Restaurants die billigen Autos. Das ist Esskultur.“