Es heißt ja immer, die Bewohner von Städten seien mehr Stress ausgesetzt und deshalb krankheitsanfälliger – aber ausgerechnet die Bewohner von Friedrichshain-Kreuzberg waren in Berlin 2012 und 2013 am wenigsten krank. Das jedenfalls ist ein überraschendes Ergebnis des länderübergreifenden Gesundheitsberichts für Berlin-Brandenburg, der aus Datenmaterial mehrerer Krankenkassen, Unfall- und Rentenversicherungen erstellt und am Mittwoch vorgestellt wurde. Rund fünf Prozent aller Arbeitnehmer fehlten demnach in Berlin und Brandenburg jeden Tag krankheitsbedingt; und jeder Arbeitnehmer fehlte 2013 durchschnittlich 18,3 Tage.

„Der jüngste Bericht weist in vielen Punkten große Parallelen zum Bericht aus den Jahren 2009 bis 2011 auf“, sagte am Mittwoch Berlins Gesundheitsstaatssekretärin Emine Demirbüken-Wegner. Auch damals sei der Krankenstand höher als im Bundesdurchschnitt gewesen, und schon damals hätten sich Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Krankheiten der Psyche auf den vorderen Plätzen befunden. Dem jüngsten Bericht zufolge dauern psychische Leiden pro Krankschreibung am längsten (30 Tage), Muskel- und Skeletterkrankungen treten hingegen am häufigsten auf – fast jede vierte Krankschreibung geht darauf zurück.

Frauen haben doppelt so häufig psychiche Erkrankungen

Dem Gesundheitsbericht zugrunde lagen die Daten von etwa 1,59 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berlin und Brandenburg – und erstmals auch der Unfallversicherungen. All diese Daten offenbaren nicht nur Unterschiede innerhalb Berlins und zwischen Berlin und Brandenburg, sondern auch zwischen Frauen und Männern. So sind Frauen fast doppelt so stark von psychischen Erkrankungen betroffen (sowohl in Berlin als auch in Brandenburg), dafür aber weniger von Verletzungen oder Vergiftungen. Brandenburger Männer wiederum erkranken außergewöhnlich oft am Muskel- oder Skelettsystem. Auch bei den Kreislauferkrankungen liegen die Männer deutlich vor den Frauen.

Unterschiede gibt es auch unter den einzelnen Arbeitsbranchen. Überdimensional betroffen ist der Gesundheitsbereich. „Traurige Botschaft des Berichts ist, dass die, die uns gesund machen sollen, selbst oft krank sind“, sagte Uwe Bindseil, Clustermanager Gesundheitswirtschaft Health-Capital Berlin-Brandenburg, das die Daten ausgewertet hat. Auffällig sei auch, dass ältere Arbeitnehmer nicht häufiger als andere krank sind – aber länger.

Werden frauenspezifische Gesundheitsprobleme zu wenig beachtet?

Staatssekretärin Demirbüken-Wegner plädierte dafür, sich aus dem Gesundheitsbericht ergebende Fragen näher zu untersuchen. Aus der Tatsache, dass Frauen stärker von Krankheit betroffen sind, könne man schlussfolgern, dass die Freistellungstage für Kinder möglicherweise nicht ausreichen – oder dass sich die Berufstätigkeit stärker auf die Gesundheit der Frauen auswirkt als bei Männern. „Und wir müssen uns fragen, ob frauenspezifische Gesundheitsprobleme zu wenig beachtet werden“, so die CDU-Politikerin.

Frank Knieps, Vorstand des Dachverbandes der Betriebskrankenkassen, appellierte, die Betreuung von Kranken zu verbessern. „Die Zahl der chronischen Krankheiten nimmt zu“, sagt er. Viele erkrankten immer wieder an den gleichen Leiden. „Unser Versorgungssystem erweist sich in solchen Fällen als unzureichend.“ Das sei vor allem bei psychischen Krankheiten so. „Wer einmal versucht hat, schnell psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, der weiß, wie mangelhaft das System ist.“