Die Wirte der WirtshausWiesn am vergangenen Wochenende auf dem Viktualienmarkt in München. Hier muss demnächst Maske getragen werden.
Foto: Michael Westermann/Imago

BerlinIn Berlin könnten demnächst womöglich unterschiedliche Corona-Maßnahmen in den Bezirken gelten. Beschlossen ist das zwar noch nicht, doch Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hatte am Dienstagnachmittag die Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln zu einem Gespräch gebeten. Beschlossen wurde dabei aber zunächst nichts.

In allen drei Bezirken liegen die sogenannten 7-Tage-Inzidenzen besonders hoch. Am höchsten ist dieser Wert in Friedrichshain-Kreuzberg. Dort wurden in den vergangenen sieben Tagen im Durchschnitt  48,6 pro 100.000 Einwohner als infiziert gemeldet. In Mitte liegt dieser Wert bei 34,7, in Neukölln bei 31,8.

Inzwischen ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen um 117 gestiegen. Das teilte die Gesundheitsverwaltung am Dienstag in ihrem täglichen Lagebericht mit. Damit infizierten sich in der Hauptstadt bislang 13.373 Menschen mit Sars-CoV-2. 228 Menschen starben, das ist ein Todesfall mehr als am Tag zuvor. 11.843 Menschen gelten als genesen.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: berlin.de/corona

Die Corona-Ampel steht bei der Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner/Woche mit dem Wert 24,4 auf Gelb - ebenso bei der Reproduktionszahl. Der Wert liegt jetzt bei 1,13. Die Zahl besagt, wie viele Menschen ein Infizierter im Mittel ansteckt. Bei der Auslastung der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten zeigt die Ampel weiter auf Grün.

Die meisten Fälle pro 100 000 Einwohner und Woche wurden in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg (46,8), in Mitte (40,7) und Neukölln (32,4) registriert.

Trotz steigender Corona-Zahlen hat der Berliner Senat eine Entscheidung über weitere Maßnahmen vertagt - drei Bezirke und die Gesundheitssenatorin verständigten sich aber auf konzertierte Kontrollaktionen in Clubs.

Das Berliner Frühwarnsystem zur Bewertung der Corona-Lage signalisiert bei doppelt Gelb Beratungsbedarf. Zeigt die sogenannte Corona-Ampel Doppel-Rot, sieht der Senat Handlungsbedarf.

Bei der Zahl der Neuinfektionen hat Berlin inzwischen sogar Bayern überholt. Dort verkündete Ministerpräsident Markus Söder nach der Kabinettssitzung am Dienstag weitere Corona-Maßnahmen. So herrscht in besonders von der Pandemie betroffenen Kommunen jetzt nicht nur eine Maskenpflicht auf stark besuchten öffentlichen Plätzen, sondern auch ein Alkoholverbot. Außerdem soll eine Sperrstunde von 23 bis 6 Uhr gelten.

In der Kleinstadt Bad Königshofen in Unterfranken mussten sogar sämtliche Schulen und Kitas komplett geschlossen werden – wenn auch erst mal nur für zwei Tage. Dort war die Zahl der Corona-Infektionen nach einer Hochzeitsfeier stark gestiegen. Auch in Berlin machen die Behörden das Feierverhalten vor allem von Jüngeren für die nun wieder rasant nach oben zeigende Kurve bei Coronafällen verantwortlich.

Im Senat wurden am Dienstag aber noch keine Beschlüsse gefasst. Man wolle sich erst einmal einen genauen Überblick über die Fallzahlen verschaffen und dies in der nächsten Woche besprechen, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop nach der Senatssitzung. Sie verwies darauf, dass die großen Metropolen in Deutschland grundsätzlich stärker von den Pandemiezahlen betroffen seien als die Flächenländer. Da der Senat keine Entscheidungen traf, kann das Heimspiel von Hertha BSC am Freitagabend wie vorgesehen mit 5000 Zuschauern im Stadion ausgetragen werden.

Allerdings sind in Berlin zum ersten Mal in der Pandemie zwei der drei Corona-Warnampeln von Grün auf Gelb gesprungen. Neben der Zahl der Neuinfektionen betrifft das auch den sogenannten R-Wert. Er gibt Auskunft darüber, wie viele Menschen ein Infizierte selbst wieder ansteckt. Der R-Wert in Berlin beträgt zur Zeit 1,52 – das heißt, ein Infizierter steckt innerhalb von vier Tagen im statistischen Durchschnitt anderthalb weitere Personen an. Lediglich bei der Zahl der nicht genutzten Intensivbetten liegt Berlin derzeit noch im grünen Bereich.

Das hat auch damit zu tun, dass es derzeit vor allem die Jüngeren sind, die sich anstecken. Bei ihnen verläuft die Krankheit oft harmloser als bei den Älteren. Schwerwiegende Langzeitfolgen können allerdings auch nach einem undramatischen Krankheitsverlauf auftreten. Die Regeln Abstand halten, Masken zu tragen und auf Hygiene zu achten, gelten unvermindert weiter, sagte Pop am Dienstag.

Obwohl das Wetter in vielen Ländern noch sommerlich und warm ist, steigen derzeit europaweit die Fallzahlen, und das zum Teil dramatisch. In Großbritannien empfiehlt die Regierung wieder die Arbeit im Homeoffice. Premierminister Boris Johnson wollte sich am Dienstag mit einer Rede an seine Landsleute wenden, um ihnen den Ernst der Lage bewusst zu machen und sie an geltende Abstands- und Hygieneregeln zu erinnern. Im Parlament kündigte Johnson an, dass er zur Kontrolle schärferer Maßnahmen möglicherweise auch das Militär einsetzen wolle.

Auch in Frankreich und Spanien stiegen die Zahlen der Neuinfizierten zuletzt wieder stark an. Lediglich in Italien bleibt die Kurve noch flach. Dort haben sich nach dem dramatischen Verlauf der Pandemie im Frühling viele Menschen angewöhnt, auch im Freien Masken zu tragen und auf Abstand zu achten.

Gesundheitsminister Jens Spahn appellierte im Hinblick auf die anstehenden Herbstferien, von Auslandsreisen möglichst abzusehen. Er verwies darauf, dass es nach den Sommerferien vor allem die Urlaubsrückkehrer gewesen seien, die die Fallzahlen erhöht hätten. „Ich denke, man kann auch in Deutschland einen schönen Urlaub verbringen“, sagte Spahn.

Um den weiteren Kurs bei der Eindämmung der Pandemie zu besprechen, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel für den kommenden Dienstag die Ministerpräsidenten erneut ins Kanzleramt eingeladen. Dort könnte auch der weitere Umgang mit Großveranstaltungen besprochen werden, wie etwa der Zutritt von Fußballfans in Stadien und Regeln für die Weihnachtsmärkte.