Berlin - Die SPD-Abgeordneten wollen Pflege- und Seniorenheime selbst bauen und dafür eine landeseigene Trägerstruktur schaffen. 250 Millionen Euro soll dafür ausgegeben werden – ein Novum. Doch Dilek Kolat (SPD), Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, will mehr: Im Interview erklärt sie, wie sie dem wachsenden Bedarf an Pflegekräften in der Stadt gerecht werden will und welche Rolle Roboter dabei spielen. Denn bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Pflegebedürftigen von 136.000 auf etwa 170.000 Menschen steigen.

Frau Kolat, ist 2019 das Jahr, in dem Berlin beim Thema Pflege und Gesundheit digital aufholen wird?

Ja. In Berlin gibt es eine große Dynamik in diesem Bereich. Viele Start-ups und Technologieunternehmen entwickeln digitale Lösungen für die Pflege- und Gesundheitsbranche. Das Problem: Es kommt nicht dort an, wo es ankommen soll – bei den Pflegebedürftigen, den Angehörigen, den Pflegekräften. Wir sind dabei zu analysieren, wieso das so ist und welche Technologien überhaupt einen Nutzen haben.

Nicht jede Technologie ist gut für den Menschen. Dabei ist auch die Finanzierung ein Knackpunkt. Der Katalog der Pflegehilfsmittel muss erweitert werden. Hinzu kommt, dass die Menschen überhaupt erstmal wissen müssen, welche Innovationen es für den Alltag gibt. Wir brauchen also mehr Digitalkompetenz – im Alter und vor allem in der Ausbildung. Genau deshalb habe ich im vergangenen Jahr die Berliner Initiative „Pflege 4.0“ auf den Weg gebracht.

Digitale Lösungen – das klingt toll. Nur, was versteckt sich dahinter, mal ganz praktisch?

Grundsätzlich: Mehr Sicherheit und ein selbstbestimmteres Leben für Pflegebedürftige und Entlastung für Pflegekräfte und Angehörige. Praktisch können zum Beispiel Sensorsysteme dafür sorgen, den Weg zur Toilette zu beleuchten. Mit diesen sogenannten Assistenzlösungen wollen wir in Berlin Vorreiter werden. Roboter können mit Pflegebedürftigen kommunizieren, aber auch Gedächtnistraining machen oder Lieder abspielen. Das darauf zu reduzieren, wäre aber falsch. Die Innovationen gehen viel weiter. In Berlin gibt es zum Beispiel ein Projekt, bei dem eine Hausärztin und die Pflegekräfte digital zusammenarbeiten. Die Vitaldaten werden übertragen, die Ärztin ist nah dran am Patienten und kann entsprechend reagieren. Ein schönes Projekt, leider nur ein einzelnes Beispiel, von denen wir in der Stadt viel mehr bräuchten. Ich will diese Beispiele bekannter machen, damit auch andere Pflegeeinrichtungen und Ärzte diesem Beispiel folgen.

Je nach Studie lehnen es 44 bis 56 Prozent der Menschen ab, von einem Roboter gepflegt zu werden. Wie wollen Sie mehr Akzeptanz schaffen? Auch das Thema Datenschutz spielt bei der Ablehnung solcher digitalen Lösungen oft eine Rolle.

Wenn Betroffene und Pflegekräfte damit nicht arbeiten wollen, ist das eine Innovation, die am Menschen vorbeientwickelt wurde. Auch damit beschäftigen wir uns. Und Gesundheit und Pflege sind sehr sensible Themen, es geht um Zuwendung, um Menschlichkeit. Die Rolle von Technik ist begrenzt. Pflege muss immer eine Mensch-zu-Mensch-Beziehung bleiben. Technik kann die Pflege unterstützen, aber nur so weit wie die Menschen souverän über die Technologien Bescheid wissen. Es geht um die Stärkung von Digitalkompetenz, um Wissen und Information, damit jeder die individuelle Entscheidung, welche Innovationen er zulässt, selbst treffen kann.

Können Sie sich selbst vorstellen, von einem Roboter gepflegt zu werden?

Ich kann es mir gerade auch nicht vorstellen. Wir wollen mit Technik auch nicht den Menschen ersetzen. Das ist mir sehr ernst. Gerade in einer Single-Hauptstadt wie Berlin wissen wir, dass sich insbesondere in der häuslichen Pflege die soziale Teilhabe einschränkt. Wenn Menschen ohnehin schon isoliert leben und die Pflegekraft am Tag der einzige Kontakt ist, können wir diesen Menschen keinen Pflegeroboter hinstellen. Maßnahmen zur sozialen Teilhabe in Kiez und Nachbarschaft sind hier wichtig.

Die neue Technik wird den Fachkräftemangel in der Pflege nicht lösen. Der Landespflegeplan prognostiziert Berlin bis zum Jahr 2030 rund 170.000 pflegebedürftige Menschen. Bis 2030 könnten rund 8000 Altenpflegekräfte fehlen. Wie konnte es zu so einem desolaten Zustand überhaupt kommen?

Der Pflegenotstand ist hausgemacht. Es war absehbar, dass der Bedarf in einer alternden Gesellschaft steigen wird. Auch im Krankenhausbereich hat man das Thema Pflege völlig vernachlässigt und unterschätzt. Dort ist in den letzten 15 Jahren sogar 30 Prozent des Pflegepersonals abgebaut worden. Wenn man das Problem nicht erkennt, dann bildet man auch nicht bedarfsgerecht aus, daher haben wir jetzt auch zu wenig Fachkräfte. Und es stimmt einfach nicht, dass es keine Jugendlichen gibt, die in der Pflege arbeiten wollen. Zudem kommen viele junge Menschen nach Berlin. Wir haben also die besten Voraussetzungen.

Aber der Beruf ist unattraktiv – wenig Geld, Schichtdienst, Stress, körperlich anstrengend…

Nicht der Beruf ist unattraktiv, sondern die Arbeitsbedingungen. Das ist ein Unterschied und das wird leider immer wieder verwechselt. Ich habe vor kurzem 200 Jugendliche eingeladen. Ich bin heute noch begeistert, wie motiviert sie sind und wie attraktiv sie die Gesundheits- und Pflegeberufe finden, weil sie in ihrem Leben etwas Sinnvolles tun und Menschen helfen wollen. Zu Recht beklagen sie sich über schlechte Arbeitsbedingungen.

Wie wollen Sie die Situation in Berlin verbessern?

Wir brauchen in Berlin eine einheitliche Ausbildungsvergütung, Teilzeitmodelle, flexiblere Arbeitszeiten. Und wir müssen in die Ausbildung investieren. Wenn es mehr Pflegekräfte geben würde, verteilt sich die Arbeit auf mehrere Schultern. Ich unterstütze die „Konzertierte Aktion Pflege“ im Bund. Berlin hat daran maßgeblich mitgewirkt. Ich bin mir mit Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretungen darüber einig, dass wir bedarfsgerecht ausbilden müssen. Ich erwarte deshalb von jedem Krankenhaus und jeder Pflegeeinrichtung, dass sie ermitteln, wie viele Pflegekräfte gebraucht werden, um den Bedarf an Ausbildungskapazitäten zu decken. Wenn mir das keiner beantworten kann, dann haben wir ein Problem.

Die Krankenhäuser wissen das nicht?

Nein, weil es nicht immer eine solide Bedarfsplanung gibt.

In den Krankenhäusern scheinen auch die Notaufnahmen überfordert zu sein. Patienten, die stundenlang auf eine OP warten, Babys, die nicht versorgt werden.

Die Einzelfälle müsste ich mir ansehen. Aber es ist wahr, dass wir in den Notaufnahmen ein Problem haben, aber nicht im stationären Krankenhausbereich. Die Notaufnahmen haben so lange Wartezeiten, weil sich die weniger dringlichen Patienten mit schwerwiegenden Notfällen dort mischen. Der Bundesausschuss hat Qualitätsstandards zu Notaufnahmen formuliert. Alle Notfallaufnahmen in Berlin erfüllen diese Qualitätsstandards sehr gut. Was nicht funktioniert, ist der ambulante Notdienst. Der ist nicht gut aufgestellt. Deshalb kommen alle in die Krankenhäuser und es kommt zu Wartezeiten.

Seit Januar gelten bundesweit Personaluntergrenzen für besonders pflegeintensive Bereiche im Krankenhaus: 2,5 Patienten am Tag pro Pflegekraft auf der Intensivstation oder zehn Patienten in der Unfallchirurgie. Reicht das?

Nein, diese Untergrenzen sind ein erster Schritt, reichen aber nicht aus. Wir brauchen einen Personalschlüssel, der den Bedarf deckt. Dazu habe ich auch eine Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht, die auch eine Mehrheit gefunden hat. Es geht nicht um die Frage, wie viele Pflegekräfte man braucht, damit der Patient nicht stirbt. Der Schlüssel müsste viel höher sein. Und das Traurige ist, dass viele Krankenhäuser nicht mal die Untergrenzen einhalten können.

Personal ist das eine, Qualität und Ausstattung der Krankenhäuser das nächste Problem.

Das Land Berlin hat in der Zeit, wo viel gekürzt und gespart wurde, auch bei den Krankenhausinvestitionen gespart. Und das rächt sich jetzt. Wir haben daher einen hohen Investitionsbedarf. Aber der rot-rot-grüne Senat hat hier eine Kehrtwende auf Weg gebracht und die Landesmittel von 79 Millionen Euro in 2017 auf 150 Millionen Euro in 2019 erhöht.

Aber das reicht auch nicht.

Richtig. Wir haben viel aufzuholen und die Stadt wächst, weshalb wir auch mehr Kapazitäten brauchen. Wir haben immer noch Nasszellen, die draußen sind, immer noch Vier-Bett-Zimmer, veraltete Medizin-Technik. Dort, wo wir aber investieren, ändern sich auch die Arbeitsbedingungen für die Ärztinnen und Ärzte und die Pflegekräfte.

Gesundheit und Pflege betrifft wie das Thema Wohnen eigentlich jeden in Berlin. In der jüngsten Forsa-Umfrage der Berliner Zeitung landen Sie zwar auf Platz zwei der beliebtesten Senatorinnen und Senatoren. Gleichzeitig rangiert das Thema Gesundheit auf dem letzten Platz, wenn die Berliner nach ihren dringlichsten Sorgen befragt werden. Werden Ihre Themen in der Stadt nicht wahrgenommen?

Das ist Ihre Interpretation. Ich nehme das anders wahr in meiner Arbeit. Und ich bin ja viel in der Stadt unterwegs, in Krankenhäusern, in Pflegeeinrichtungen und spreche viel mit Jugendlichen in der Ausbildung und mit Angehörigen. Pflege geht uns alle an. Pflege ist ein Zukunftsthema.

Auch für die Berliner SPD?

Die SPD hat vor kurzem ein Pflegemanifest veröffentlicht und es mit vielen hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf einem Innovationsforum diskutiert. Außerdem hat die SPD-Fraktion das Thema auf ihrer Fraktionsklausur am Wochenende aufgerufen. Die SPD ist in der Stadt erkennbar die Partei der Pflege geworden.