Hunderte Schlauchboote auf dem Landwehrkanal in Kreuzberg. Am Ufer saßen dicht gedrängt Zuschauer. Die Abstandsregeln wurden nicht eingehalten.
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BerlinGesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hat die Veranstaltung von Akteuren aus der Clubszene, bei der am Wochenende nach Angaben der Polizei 1.500 Feiernde in Booten auf dem Landwehrkanal unterwegs waren, scharf verurteilt. „Ich bin entsetzt über die Bilder vom Wochenende in Berlin“, teilte die Gesundheitssenatorin am Dienstag mit. 

Partyszene und Clubs seien die Hotspots zu Beginn der Pandemie gewesen. Es sei richtig und wichtig gewesen, diese früh zu schließen. Sie habe Verständnis für die schwierige wirtschaftliche Lage der Clubs. „Aber das, was am Wochenende auf dem Landwehrkanal passierte, ist in Pandemiezeiten grob fahrlässig.“ Sie appelliere an die Vernunft der Club- und Partyfreunde. „Es ist nicht die Zeit für Partys!“ Das Virus sei nach wie vor eine Gefahr für die Gesundheit aller Menschen.

Die Veranstaltung am Sonntag war als Demonstration auf dem Wasser für die Belange der seit März komplett geschlossenen Clubszene angemeldet worden. Mehrere Akteure hatten dazu aufgerufen, darunter das Netzwerk „Rebellion der Träumer“ und die Clubs Kater Blau, Rummels Bucht und die Wilde Renate. Nach Angaben der Polizei sammelten sich bis zum Nachmittag etwa 400 Boote mit 1.500 Teilnehmern auf dem Wasser. Auch die Kanalufer waren voller Schaulustiger – die zum großen Teil ohne Abstand und ohne Mundschutz feierten.

Auch die Kritik aus der Clubszene selbst ist inzwischen groß. Das Demo-Anliegen sei berechtigt, die Not in der Szene riesig. Aber die Veranstaltung sei aus dem Ruder gelaufen und konterkariere nun alle bisherigen Bemühungen der Szene - so der Tenor bei Clubbetreibern sowie der zentralen Lobbyorganisation Clubcommission am Dienstag.

Clubcommission fordert Teilnehmer auf, Kontakte einzuschränken

Die Demonstration sei „ausgeartet“, sagte Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission, der Berliner Zeitung. Clubkultur und soziale Distanz seien nicht vereinbar. Man hoffe, dass die Teilnehmer die Situation nun reflektierten. „Mir fehlen die Worte.“ Über soziale Netzwerke rief die Clubcommission die Teilnehmer dazu auf, ihre sozialen Kontakte in den nächsten 14 Tagen auf ein Minimum einzuschränken – insbesondere beim Umgang mit älteren oder kranken Menschen.

Auch andere Clubbetreiber äußerten sich im Gespräch mit der Berliner Zeitung verärgert. Die Demonstration sei nicht mit der gesamten Szene abgesprochen gewesen - könne nun aber Konsequenzen für die gesamte Szene haben. Sie fürchten: Wenn ein Anstieg der Infektionszahlen in Berlin auf den Demo-Tag zurückzuverfolgen sei, „bleiben wir noch viel länger geschlossen“.

Dieses Amateurvideo auf Youtube zeigt die teilweise voll besetzten Schlauchboote.

Video: Youtube

Reumütig äußerten sich Clubs und Netzwerke der Szene, die zu der Demonstration aufgerufen hatten. Die Betreiber des Kater Blau schrieben auf Facebook, obwohl von den Organisatoren dazu aufgerufen worden sei, die bei Demos vorgeschriebenen Abstände einzuhalten, sei es zu „vollkommen unakzeptablen Szenen“ gekommen. „Die Szenen, die bei den meisten Menschen hängen bleiben, helfen der Clubkultur in Berlin nicht. Sie schaden“, heißt es von den Machern des Kater Blau. Man stelle sich der „berechtigten Kritik“ und arbeite das Geschehene gründlich auf.  

Die „Rebellion der Träumer“ räumte in einem Statement ein, dass keiner der Organisatoren „mit dieser Größenordnung“ gerechnet habe und bat Teilnehmer ebenfalls darum, sich für „sieben bis zehn Tage“ zu isolieren.

Grüne und CDU fordern neue Sicherheitskonzepte 

Bei CDU und Grünen, sonst in Fragen der Clubkultur eher selten einer Meinung, stimmte man bei dem umkämpften Thema am Dienstag überein: Der Senat habe die Beschränkung für Demonstrationen aufgehoben, an der Größe der Veranstaltung gebe es also nichts zu bemängeln. Dass Veranstaltungen so aus dem Ruder laufen könnten, sei zu befürchten gewesen. Die Politik müsse nun für neue, sichere Konzepte sorgen. 

CDU-Abgeordneter Christian Goiny sagte der Berliner Zeitung: „Es wäre gut gewesen, hätten die Veranstalter enger mit der Clubcommission zusammengearbeitet.“ Georg Kössler, clubpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, schlägt den verstärkten Einsatz von Ordnern auf Veranstaltungen vor. „Man kann offensichtlich in Berlin nicht eine Bühne öffnen und erwarten, dass nur 150 Leute kommen. Dafür ist die Stadt zu eng, dafür ist die Sehnsucht nach Kultur zu groß.“

Update: In diesem Artikel wurde ursprünglich das Sisyphos als einer der Clubs genannt, die zu der Demonstration aufriefen. Die Betreiber teilten der Berliner Zeitung am Mittwoch aber mit: „Das Sisyphos war nicht an Planung und Durchführung der Wasserdemo beteiligt. Es gab im Vorfeld eine Anfrage, die zu keinem Ergebnis führte. Warum wir bei Facebook als Mitveranstalter genannt wurden, können wir nicht nachvollziehen.“