Drive In für Corona-Tests: Mitarbeiter vom Gesundheitsamt Mitte bei der Arbeit 
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BerlinIn Hotlines beraten, Verdachtsfälle in Quarantäne schicken und testen, testen, testen: Den Gesundheitsämtern kommt im Kampf gegen die Corona-Pandemie die wichtigste Aufgabe zu. Sie sollen die Infektionsketten nachverfolgen und die Verbreitung des Virus so schon an der Basis eindämmen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat betont, das sei zurzeit die wichtigste Aufgabe. In Berlin aber schlagen jetzt mehrere Gesundheitsämter Alarm: Das Personal reiche mit Blick auf die nun anstehenden Lockerungen bald schon nicht mehr aus, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Denn ein Großteil des Personals in der Pandemiebekämpfung ist nur ausgeliehen.

Hunderte Mitarbeiter aus Stadtentwicklungs-, Ordnungs-, Kultur-, Sozial-, Schul- und Bürgerämtern wurden zu Beginn des Shutdowns in den Gesundheitssektor geschoben und mit der Pandemiebekämpfung beauftragt. Sie verfolgen jetzt Kontakte von Infizierten nach, informieren Verdachtsfälle und merken sie gegebenenfalls für Tests oder eine mögliche Quarantäne vor.

In Pankow arbeiten gut 126 Mitarbeiter des Gesundheitsamtes an der Corona-Eindämmung – und 200 Mitarbeiter aus Ordnungs-, Schul-, Jugend-, Stadtentwicklungs- und Bürgerämtern sowie externe Kräfte. In Charlottenburg-Wilmersdorf sind von 160 Pandemie-Bekämpfern 60 ausgeliehen, in Friedrichshain-Kreuzberg von 70 Krisenstabsmitarbeitern 35, in Neukölln sind es von 107 immerhin nur 25.

Jetzt aber machen die Schulen wieder auf, die öffentlichen Verkehrsmittel, Geschäfte und Museen kehren zum Normalbetrieb zurück – und damit müssen auch die sie betreuenden Behörden ihre Arbeit wieder verstärkt aufnehmen. „Wenn der normale Dienstbetrieb in anderen Bereichen hochgefahren wird, können wir die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts nicht mehr umsetzen“, warnt Torsten Kühne (CDU), Gesundheitsstadtrat in Pankow.

„Dann stehen wir mit dem Rücken zur Wand“, sagt auch Detlef Wagner (CDU), Gesundheitsstadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf. Mit mehr als 600 Infizierten liegt der Bezirk im Westen der Stadt in der Statistik der Corona-Fälle der Senatsverwaltung hinter Mitte auf Platz zwei. „Das Personal genügt nicht für das, was vor uns liegt“, sagt Gesundheitsstadtrat Knuth Mildner-Spindler (Linke) in Friedrichshain-Kreuzberg. Es müsse schnell mehr Personal im Nachtragshaushalt 2020 eingestellt werden, warnt auch Falko Liecke (CDU), Gesundheitsstadtrat von Neukölln: „Wir können nicht auf Leute aus anderen Behörden angewiesen bleiben.“

In Charlottenburg-Wilmersdorf rechnet Wagner damit, dass bei dem derzeitigen „schnellen Hochfahren ungefähr die Hälfte“ der geliehenen Kräfte das Gesundheitsamt in den nächsten vier Wochen wieder verlassen müsse. Im Übrigen nicht, um lästige Knöllchen zu schreiben. 15 Schultherapeuten zum Beispiel stünden gerade vor der Frage, ob sie „Kinder mit schwersten Einschränkungen an den Schulen mobilisieren oder Leben in der Kontaktnachverfolgung retten“, so Wagner. „Meine besten Leute sind gerade sehr nervös.“

Auch die Untersuchungen für Kinder, die eingeschult werden sollen, sind zurzeit laut Senatsbildungsverwaltung in ganz Berlin eingestellt worden – das medizinische Personal der Ämter ist mit Corona beschäftigt.

Wagner hat bereits versucht, nachzusteuern, doch das ist nicht leicht, sagt er. Das Bezirksamt soll nachhaltig und langfristig einstellen. Auf kurzfristige Pandemiebekämpfung ist der Stellenplan nicht ausgelegt. In Charlottenburg-Wilmersdorf werden jetzt trotzdem externe Kräfte mit medizinischen Kenntnissen für drei Monate eingestellt, auch Einstellungen für ein halbes Jahr soll es geben, um „einen gewissen Grundstandard zu erhalten“, sagt Wagner.

Eigentlich aber, darauf pochen die Gesundheitsstadträte von CDU wie von Linke, brauche es die Umsetzung eines Personalschlüssels, über den Berlin seit mehr als zehn Jahren diskutiert: das Mustergesundheitsamt. Viel zu lange sei im Gesundheitssektor gespart worden, sagen alle vier. „Das fällt uns jetzt auf die Füße.“ Pankow stünden nach dem Mustergesundheitsamt nicht 133 Stellen zu (wovon zurzeit nur 126 besetzt sind), sondern 179 Stellen.

Die Stadträte berichten, dass Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) in der letzten Telefonkonferenz versprochen habe, eine weitere Aufstockung, auch nach dem Mustergesundheitsamt, zu prüfen.  

Nach außen allerdings sendet die Gesundheitssenatorin andere Signale. Bund und Länder haben sich vergangene Woche darauf festgelegt, dass in den Gesundheitsdiensten „erhebliche zusätzliche Personalkapazitäten geschaffen“ werden sollen, „mindestens ein Team von fünf Personen pro 20 000 Einwohner“. Kalayci betonte im Gesundheitsausschuss, dass Berlin diese Quote zurzeit „übererfülle“ – und nicht nachzusteuern brauche.  

Ob das noch trotz der Warnungen aus den Bezirken für die nahe Zukunft gelte? Die Gesundheitsämter seien „derzeit personell angemessen aufgestellt“, teilte Moritz Quiske, Sprecher der Gesundheitsverwaltung, der Berliner Zeitung am Freitagabend mit. „Die Vorgaben des Bundes können erfüllt werden.“ Zur Rückführung von Personal in ihre originären Aufgaben stehe die Verwaltung im „konstruktiven Austausch“ mit den Gesundheitsämtern.

Infizierte und Personal in den Bezirken

Infizierte: Die meisten Infizierten verzeichnen laut Gesundheitsverwaltung bisher die Bezirke Mitte (826), Charlottenburg-Wilmersdorf (646), Neukölln (585), Pankow (583) und Tempelhof-Schöneberg (566).

Personal: Pankow hat sich besonders viele Kräfte geliehen: Neben 126 Mitarbeitern des Gesundheitsamtes helfen 200 weitere aus Ordnungs-, Stadtentwicklungs-, Jugend- und Schulamt bei der Pandemie-Eindämmung.

Lockerungen: Viele ausleihende Ämter brauchen jetzt ihr Personal zurück, warnen die Gesundheitsstadträte. In Pankow haben bereits das Schul-, das Stadtentwicklungsamt und die Bürgerämter Kräfte zurückgefordert.