Im ehemaligen Kino Kosmos an der Karl-Marx-Allee beginnt am Sonntag das World Health Summit. Rund 2000 Experten aus aller Welt werden sich auf diesem Gesundheitsgipfel Gedanken zu Fragen der globalen Gesundheitsvorsorge machen.

Zu einem Thema, das auch knapp 15.670 Kilometer weiter südöstlich gerade mit hochkarätiger Berliner Besetzung diskutiert wird. Am Donnerstagvormittag hat der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) in Australien gemeinsam mit der Premierministerin des Bundesstaates Queensland, Annastacia Palaszczuk, eine Vereinbarung unterzeichnet, mit der der Austausch im Bereich medizinischer Forschung und digitalgestützter Medizin intensiviert werden soll. „Gesundheit ist das große Thema überhaupt“, sagte Müller. „Deswegen müssen wir es schaffen, in diesem Bereich Impulsgeber zu werden.“

Die beste Therapie für jedermann

Die Unterzeichnung der Deklaration – ein Programmpunkt von Müllers Australienreise, die er eigentlich in seiner Funktion als Bundesratspräsident unternimmt – passt perfekt in die aktuelle Berliner Gesundheitspolitik. Erst im Mai hat Müller eine Expertenkommission einberufen, die die Stadt bis 2030 zur „europäischen Top-Adresse in der medizinischen Forschung und Versorgung“ entwickeln soll.

Anspruch sei es, dass für jedermann unabhängig etwa von Herkunft und Einkommen die „beste und effektivste Therapie“ verfügbar ist. Da kommt die Digitalisierung ins Spiel, die zu zentralen Bausteinen der Vereinbarung mit Queensland zählt. Doch warum ausgerechnet Queensland?

Zu lernen gäbe es in Australien allerhand 

Der Bundesstaat im Nordosten Australiens gilt international nicht nur als einer der Motoren im Bereich der Medizinforschung. Queensland hat sich auch ein wirklich ambitioniertes Ziel im Bereich der öffentlichen Gesundheitsvorsorge gesetzt. Der Bundesstaat will bis 2030 die Region werden, in der weltweit die gesündesten Menschen leben.

Das sei zwar teuer, aber die nötige Wirtschaftskraft wäre vorhanden: In ganz Australien wächst die Wirtschaft seit 20 Jahren konstant, zuletzt um 3,4 Prozent. Das ermöglicht Projekte wie den Neubau eines Krankenhauses in Adelaide mit einem öffentlich finanzierten Projektvolumen von gut vier Milliarden Dollar. Zu lernen – beziehungsweise abzugucken – gäbe es in Australien also allerhand.

Die unterzeichnete Deklaration ist freilich erst einmal nicht mehr als eine papiergewordene Absichtserklärung, die von Institutionen mit Leben erfüllt werden muss. Diesen Teil werden die Mitglieder von Müllers Delegation übernehmen, die Vertreter der Berliner Universitäten, der Charité und von Vivantes. 

Viele mögliche Bereiche zum Austausch 

Als eine Art Brückenkopf dabei wird Michael Schütz fungieren, denn der Mediziner kennt beide Seiten wie kein Zweiter. Er leitete zwölf Jahre das Traumazentrum des Princess Alexandra Hospital Brisbane, Queensland, ging 2016 an die Charité und kehrte schließlich im August wieder nach Brisbane zurück ans Jamieson Trauma Institute.

„Spätestens Mitte nächstes Jahres müssen wir einen Plan haben, wie wir genau kooperieren wollen“, sagt Schütz. Mögliche Felder zum Austausch sieht er genug. „Ausbildung, Vergleich von Behandlungsmethoden, die Frage, wie man Forschungsergebnisse profitabel in die Gesundheitsmärkte bringt“, zählt er auf.

Berlin wieder für Talente interessant machen 

Treiber wie ihn wird die neue Vereinbarung brauchen, wenn sie jemals funktionieren soll. Denn „für uns wird Queensland noch eine Herausforderung werden, sagt Verena Blechinger, Vize-Präsidentin der Freien Universität. Kooperationen mit Australien gebe es zwar, mit Sidney, Melbourne und Canberra, aber eben noch nicht mit Queensland. Anknüpfungspunkte sieht auch sie reichlich. Und auch Vivantes-Chefin Andrea Grebe sieht die Vorteile der gemeinsamen Forschung und Entwicklung. Gleichwohl, sagt sie, „wird es noch Jahre dauern, bis wir wirkliche Ergebnisse sehen“.

Vielleicht kommt es aber auch erst einmal auf einen ganz anderen Punkt an, sagt Jürgen Allerkamp, Chef der Investitionsbank Berlin. „Wir müssen uns als Berlin wieder zurückmelden in der ersten Liga.“ Dazu zähle, dass die Hauptstadt in solchen Netzwerken vertreten sei. „Vor allem auch, um für Talente interessant zu sein.“ Länder wie Australien mit ihrer großen Wirtschaftskraft locken solche Talente mit Geld. „Da können wir nicht mithalten.“