Berlin - Yvi steht mit fünf Freunden und drei Hunden an einer Bank in dem Park am Fernsehturm, der sich bis zum Neptunbrunnen erstreckt. Sie ist eine junge Frau um die 20, trägt Piercingringe an Nase und Lippen und ihre Haare sind auf der einen Seite länger, auf der anderen kurz rasiert. Es ist die Nacht zum Dienstag, nicht übermäßig kalt. Alle haben eine Flasche Bier in der Hand, sind dunkel gekleidet und etwas aufgeregt.

Yvi wohnt in Lichtenberg. Aber sie kommt eigentlich jeden Tag zum Alex. Weil sie hier immer Freunde trifft. So um die 50 Leute seien es, die sich gut kennen, manche von ihnen Punks. „Man ist nie allein.“ Seit einiger Zeit bekommt sie manchmal auch Angst. Sie greift in die Jackentasche und zeigt ein Klappmesser.

„Meist kann man ganz gemütlich sitzen“, sagt Yvi. „Aber immer sonntags, wenn die Leute vom Feiern kommen, gibt es Stress.“ Am vergangenen Sonntag gegen vier Uhr morgens ist nur einige Meter entfernt der 20-jährige Jonny K. von sieben Angreifern totgeschlagen worden.

Kerzen, Rosen und Lilien zum Gedenken

Auch zum Wochenanfang sind rund um dem Bahnhof Alexanderplatz nach Mitternacht noch viele Menschen unterwegs, meist jüngere, einige Obdachlose, Trinker und Bettler. Das Oktoberfest auf dem Alex ist eigentlich zu Ende. Aber die Buden stehen noch, ohne Dächer. Und kreuz und quer Lastwagenanhänger.

Über den Platz dröhnt der Culcha Candela-Song „Monsta“. In der „Salzburger Schmankerl Hütten“ wird noch lautstark gefeiert. „Geschlossene Gesellschaft“ steht am Eingang, den ein muskelbepackter Security-Mann bewacht.

Auch in der „Besenkammer“ am südlichen Ausgang des Bahnhofs ist es noch eng. Die Schwulenbar ist rund um die Uhr geöffnet. Am Terrassenspringbrunnen am Fuß des Fernsehturms sitzen Pärchen auf den Bänken. Dahinter leuchten die farbigen Neonlampen des „Mio“, einem mondän anmutenden, hell gehaltenen Club mit langen Sofas und glitzernden Lampen. Auch hier sitzt noch eine größere Gesellschaft zusammen. Jonny K. hat dort den Geburtstag eines Freundes gefeiert.

Zwischen Bahnhof und dem schwach angeleuchteten Roten Rathaus spazieren Fußgänger über die für den Autoverkehr gesperrte Rathausstraße, oft Touristen. Es ist übersichtlicher, entspannter als auf dem Alex. Vor dem um diese Zeit längst geschlossenen Eiscafé Lampe stehen gestapelt wetterfeste Metallstühle. Auf einem dieser Stühle muss Jonny K.s angetrunkener Freund gesessen haben, bevor die Horde der Angreifer über die Männer herfiel.

Gegenüber vom Café, von zwei aufgestellten Gehwegplatten vor dem Wind geschützt, liegen Blumengestecke. Weiße Rosen und Lilien. Und es brennen mehr als 30 rote Friedhofskerzen. Im Laufe der Nacht werden es immer mehr. Jemand hat eine Karte dazugelegt.

„In schierer Unfassbarkeit und tiefer Trauer möchte ich der Familie und Freunden mein Beileid aussprechen“, steht in akkurater Handschrift dort geschrieben. „Möge es allen die Augen öffnen, den Opfern und den Tätern die nötige Aufmerksamkeit zu schenken und der Gesellschaft die Augen zu öffnen.“ Ein Name steht nicht dabei.

Entsetzte Touristen

Manche Passanten bleiben wortlos stehen. Andere sprechen miteinander. Von zunehmender Gewalt ist die Rede, von den Schüssen im Bahnhof nur eine Woche zuvor. Polizei ist nirgendwo zu sehen. Außer den beiden älteren Wachpolizisten vor dem wenige hundert Meter entfernten Rathaus.

Dort stehen immer zwei Uniformierte. Auch am Sonntag. Touristen aus Frankreich und England fragen, was die Kerzen zu bedeuten haben und sind von den Antworten entsetzt. Ein deutscher Berlin-Besucher versichert seinem chinesischen Begleiter, dass er gut auf ihn aufpassen werde.

Die Musik aus der Cocktailbar „Cancun“ ist auch an der Gedenkstelle noch zu hören. In der Nacht zum Dienstag ist das Lokal nur mittelmäßig besucht. Aber am Sonntag war es richtig voll, erzählt eine junge Kellnerin. In den hinteren Räumen bewirteten sie und ihre Kollegen eine große, separate türkische Feier mit mehr als 500 Besuchern. Es wurde getanzt und getrunken. Ein Flyer liegt noch aus, der für eine „Megaparty für 1 200 Gäste“ im „Cancun“ wirbt, der „offiziellen Murat Boz Aftershow Party“. Murat Boz ist ein populärer türkischer Sänger, der am Sonnabend vor mehreren Tausend begeisterten Fans im Tempodrom aufgetreten ist.

„Hier gibt es immer Ärger“

Was unweit des lateinamerikanischen Lokals gegen vier Uhr morgens geschehen ist, haben die Mitarbeiter nicht bemerkt. Sie hatten noch zu tun. „Ich weiß nur, dass einer unserer Türsteher irgendwann rausgerannt ist. Dann sind die wohl geflüchtet“, berichtet ein Kellner. Dass die Totschläger aus den Reihen der Gäste stammen, glauben in der „Cancun“-Crew eigentlich alle. „Um die Zeit war ja nur noch bei uns Betrieb“, sagt eine Frau. „Viele standen auch vor der Tür.“

Yvi und ihre Freunde waren am Sonntag früh nicht mehr am Alex. Darüber sind sie jetzt froh. Sie erzählen ihre eigenen Geschichten. „Die Polen sind okay“, sagt ein schlaksiger Kerl, der Ivy Schatz nennt. Die machten nur Ärger, wenn es einen Anlass gebe. Aber die Arabisch- und Türkischstämmigen und auch die Russen, „die sind echt krass“.

Und dann reden alle durcheinander davon, wie sie kürzlich mit einer Frau im Rollstuhl zusammensaßen, die plötzlich ohne jeden Grund angegriffen wurde. „Da bin ich ausgerastet“, sagt einer. „Die konnte sich doch gar nicht wehren. Wir waren mehr.“

Im Zugang zum Alex, gegenüber der Galeria Kaufhof, sitzt ein Trompetenspieler auf einer Decke, neben ihm ein junger Hund. Die Kapuze seiner dunklen Jacke ist weit zugezogen. Er spielt sehr langsam. Die Klänge des weltbekannten Kirchenliedes „Amazing Grace“ wehen über den Platz. Ob er keine Angst hat? Der Mann versteht die Frage nicht. Er spielt noch etwas weiter, wird immer leiser. Dann sackt er zusammen und schläft ein.

Neben dem Imbiss „Habbabis Gemüsekebab“ im U-Bahnhof hängt noch immer der Zeugenaufruf der Polizei wegen der jüngsten Schießerei. Ob die Gewalt zugenommen hat? „Hier gibt es immer Ärger“, sagt der Verkäufer, zuckt mit den Schultern und lächelt fast verlegen. „Das ist alles wegen dem Alkohol. Was soll man sagen?“