Berlin - Prügeleien, Bedrohungen und Raub gehören an bestimmten Schulen Berlins fast zum Alltag.  Deshalb hält der Senat die Zahl der gemeldeten Delikte an den fast 700 Schulen seit neuestem geheim.  Zum ersten Mal hat die Senatsinnenverwaltung die Liste mit den Straftaten als „Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch“ klassifiziert.

Doch nach Informationen aus Ermittlerkreisen gibt es nun zumindest einen kleinen Einblick in die Entwicklungen. So ist vor allem an und im Umfeld sogenannter Brennpunkt-Schulen nicht nur die Zahl der Gewaltdelikte hoch. Eine signifikante Zunahme gab es 2018 auch bei den angezeigten Sexualdelikten. Ihre Zahl stieg an der Adresse der Willy-Brandt-Teamschule an der Grüntaler Straße in Gesundbrunnen von null auf fünf.

An der Adresse der Ernst-Schering-Schule an der Lütticher Straße in Wedding war im Jahr 2017 kein einziges Sexualdelikt registriert worden. Im vergangenen Jahr waren es schon drei. Die Schule war schon im Vorjahr mit 48 Straftaten gemeldet, davon 25 Körperverletzungen. Im Jahr 2018 waren es 32 Straftaten, davon 17 Körperverletzungen.

Auffällig ist auch die Entwicklung an der Adresse der Comenius-Schule an der Gieselerstraße in Wilmersdorf die Zahl der sexuellen Übergriffe stieg von null auf vier. 

Auch Straftaten im Umfeld der Schule gehen in die Statistik ein

Einen ungewöhnlich starken Anstieg der Gewaltdelikte registrierte die Polizei an der Adresse der Heinrich-Seidel-Grundschule an der Ramlerstraße in Gesundbrunnen, deren Leitbild lautet, sie wolle den Schülern „Sicherheit, Schutz und innere Ruhe geben, sodass sie sich zu verantwortungsbewussten Persönlichkeiten entwickeln können“. Dort schoss die Zahl der gemeldeten Gewaltdelikte von null auf 19 hoch.

Ein Sprecher der Senatsschulverwaltung erklärt dazu auf die Frage, wie die Schulen mit den Sexual- und Gewalttaten umgehen: „In konkreten Verdachtsfällen kooperiert eine Schule eng mit dem polizeilichen Präventionsbeauftragten. Oft finden Straftaten lediglich im Umfeld einer Schule statt, mitunter auch in Außenanlagen, die zum Beispiel nachmittags oder abends von Vereinen genutzt werden.“

Tatsächlich geben die Zahlen nur einen ungefähren Einblick. Denn die Polizei liefert die Zahlen von Straftaten auf, die an der Adresse einer Schule stattfinden. Wenn es also eine Prügelei vor einer Schule gibt, kommt auch diese in die Statistik. Außerdem kann sich eine Adresse auf weiträumige Areale beziehen.

Geheimhaltung angeblich wegen Privatwohnungen an den Anschriften

Schon im vergangenen Jahr wollte die Innenverwaltung die Zahlen der Straftaten an Schulen nicht herausgeben. Damals erreichte der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe mit einer Klage vor dem Landesverfassungsgericht und anschließenden fast 700 Einzelanfragen, dass die Zahlen veröffentlicht werden mussten. Demnach wurden im Jahr 2016 der Polizei an den Adressen der Schulen 8 763 Straftaten gemeldet. Im Jahr 2017 waren es 9 820. An gut der Hälfte der 689 Schulen ist die Lage allerdings gut, oft wurde gar keine Straftat erfasst.

Als Grund für die erstmalige Klassifizierung als Verschlusssache zieht die Verwaltung den Schutz von Persönlichkeitsrechten heran. An den einzelnen Adressen könnten sich auch Privatwohnungen befinden. Die Straftaten könnten dann einzelnen Bewohnern oder Nutzern eines Gebäudes zugeordnet werden, teilt sie mit. Dies könne auch stigmatisierend für Schüler sein, die eine der Schulen besuchen. Durch die unterbleibende Veröffentlichung sei die „politische Verwertbarkeit“ nur geringfügig eingeschränkt. Laut Verschlusssachenanweisung der Senatsverwaltung für Inneres sind allerdings Dokumente mit „VS – Nur für den Dienstgebrauch“ nur dann einzustufen, „wenn Kenntnisnahme durch Unbefugte für die Interessen oder das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder nachteilig sein kann“ – also dem Ansehen Berlins.

Getrennt von den Polizeizahlen gibt es auch jene, die die Schulen selbst melden. Die Zahl der Gewaltvorfälle ist hier gestiegen. Allerdings erklärt sich vor dem Hintergrund einer von der Bildungsverwaltung ausgerufenen Kultur des „Hinsehens und Handelns“ der Anstieg vor allem an den Grundschulen durch eine erhöhte Meldebereitschaft. Auch die Anzahl meldender Schulen hat sich erhöht.

Nur die Spitze des Eisbergs - Soziologe fordert Dunkelfeld-Analyse

„Dass Jugendliche immer brutaler werden, ist aus wissenschaftlicher Perspektive hochgradig umstritten“, sagt Albrecht Lüter, Leiter der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention, die regelmäßig unter anderem die Zahlen der Unfallkasse Berlin, die Meldungen der Schulen und der Polizei auswertet. „Viele Studien zeigen eben nicht, dass es immer schlimmer wird. Nichtsdestotrotz gibt es erheblichen Entwicklungsbedarf bei der schulischen Gewaltprävention und der Vermittlung sozialer Kompetenzen“, sagt der Soziologe.

Er sieht zudem einen Formwandel schulischer Gewalt in Richtung Verrohung, verbaler Aggression, sexualisierter Ansprachen oder Mobbing – Verhaltensweisen, die oft in einen Graubereich fallen und nicht zu einer Strafanzeige führen. Sie seien weit verbreitet, zunehmend auch an den Grundschulen, wo die Sozialkompetenz vieler Schüler entwicklungsbedürftig sei. „Hier besteht ohne Zweifel Handlungsbedarf“, sagt er.

FDP-Abgeordneter will Herausgabe vor Gericht erzwingen

Nach Lüters Einschätzung fehlt eine berlinweite Dunkelfeld-Analyse, ähnlich, wie es sie in Brandenburg gibt. „Wir müssen in die Klassen reingehen und die Schüler nach ihren Erfahrungen befragen. Wir sehen bisher nur, was angezeigt wird. Und das ist die Spitze des Eisbergs.“

Der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe kündigte am Freitag an, vor das Landesverfassungsgericht zu ziehen. Er will die Innenverwaltung auf Herausgabe der zahlen verklagen.