Berlin - In der S9 Richtung Pankow bedroht ein Unbekannter einen 22-Jährigen und beleidigt ihn, weil er schwul ist. Dann packt er den jungen Mann am Hals, schubst ihn gegen eine Trennwand und spuckt ihm ins Gesicht. Am nächsten Tag erstattet das Opfer Anzeige.

Am S-Bahnhof Tempelhof wird ein 19-Jähriger von einem Unbekannten homophob beleidigt. Als er weglaufen will, folgt ihm der Mann und schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht. Der junge Mann stürzt, liegt auf dem Boden. Der Unbekannte tritt ihm mehrfach in den Rücken. Erst als er von ihm ablässt, kann der 19-Jährige flüchten.

Ein 45-jähriger Mann greift in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße ein lesbisches Pärchen an. Der 30-Jährigen schlägt er ins Gesicht und tritt sie. Ihrer 28-jährigen Partnerin schlägt er mit einer Flasche gegen den Kopf. Passanten eilen den Frauen zu Hilfe und halten den Angreifer fest, bis die Polizei eintrifft.

Maneo: 291 Taten im vergangenen Jahr

Fast jeden Tag gibt es in Berlin Hasskriminalität gegen Lesben, Schwule, Bi-, Trans und Intersexuelle (LGBTI). Das zeigt der Report des schwulen Anti-Gewalt-Projektes Maneo, der vor kurzem veröffentlicht wurde. 291 Taten dokumentierte Maneo im Jahr 2016. „Queere Menschen werden beleidigt, bedroht oder körperlich angegriffen, weil sie sind, wie sie sind – weil sie sichtbar sind und erkannt werden“, sagt Maneo-Leiter Bastian Finke. Am häufigsten handelt es sich bei den Taten um Körperverletzungen (32 Prozent). Es folgen Nötigungen und Bedrohungen (26 Prozent), Beleidigungen (19 Prozent) und Raubstraftaten (14 Prozent).

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der gemeldeten und angezeigten Fälle homo- und transphober Gewalt damit gestiegen. 2015 zählte Maneo 259 Taten, etwa 30 Fälle weniger. Ein Indiz dafür, dass es in Berlin mehr Straftaten gegen Lesben, Schwule, Bi-, Trans und Intersexuelle gibt, ist das jedoch nicht. Die Zahl beschreibt nur diejenigen, die sich direkt bei Maneo gemeldet haben. „Wir müssen von deutlich mehr Fällen ausgehen“, sagt Finke. „Das Dunkelfeld ist in diesem Bereich relativ hoch“. Er schätzt, dass etwa 80 bis 90 Prozent der Straftaten nicht angezeigt und somit nicht bekanntwerden.

„Viele trauen sich nicht“, sagt Markus Oswald, Ansprechpartner für LGBTI bei der Berliner Staatsanwaltschaft. Die Gründe seien verschieden – ältere Schwule seien zum Teil skeptisch gegenüber der Polizei, weil sie in Zeiten des Paragrafs 175 selbst Opfer staatlicher Verfolgung gewesen seien. Jüngere seien manchmal nicht geoutet, andere würden nicht glauben, dass eine Anzeige weiter verfolgt werde. Das stimme jedoch nicht, so Oswald, meist würden solche Ermittlungen nicht einfach eingestellt. Die Bereitschaft, eine homo- oder transphobe Straftat anzeigen, sei in den vergangenen Jahren gestiegen, so Oswald: „Das ist wichtig, damit Hasskriminalität gegen die sexuelle Orientierung sichtbar wird und den Tätern Grenzen gesetzt werden.“

Berliner Polizei zählte 162 Straftaten 

Der Anstieg der Anzeigen wird auch bei der Berliner Polizei positiv bewertet. Im vergangenen Jahr zählte diese 162 solcher Straftaten – und damit so viele wie noch nie. 2015 waren es 44 Taten weniger. Nur knapp die Hälfte der Fälle wird aufgeklärt. Die Opfer sind vor allem Männer. Laut Maneo-Report wurden im vergangenen Jahr 243 Schwule angegriffen. 25 Opfer waren Trans-Personen, 13 lesbische Frauen. Dies habe ganz verschiedene Gründe, sagt Staatsanwalt Oswald: „Weibliche Homosexualität ist bei den Tätern anerkannter.“ Außerdem gebe es mehr Anlaufstellen für Schwule als für Lesben.

Die Straftaten passieren vor allem da, wo Lesben und Schwule sichtbar sind: Auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, aber auch in Clubs und Bars. Die meisten Taten, die die Berliner Polizei 2016 registrierte, wurden im Bezirk Mitte begangen (38 Fälle), gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg (33 Fälle).

Probleme mit jungen Strichern im Regenbogenkiez 

Auf Platz drei folgt mit 30 Fällen Tempelhof-Schöneberg, in dem sich der Regenbogenkiez rund um den Nollendorfplatz befindet. „Hier leben Schwule und Lesben sehr frei und offen“, sagt Christiane Strauß, stellvertretende Leiterin des Polizeiabschnitts 41, der für den Bereich zuständig ist. Die große Dichte an Bars, Cafés und Clubs sei mit ein Grund, warum es rund um die Motzstraße mehr homo- und transphobe Straftaten gebe.

Dass diese zunehmen, kann sie zwar nicht bestätigen. Seit einiger Zeit beobachtet Strauß jedoch, dass Täter die sexuelle Orientierung von Opfern ausnutzen, um Straftaten zu begehen – etwa eine Gruppe jugendlicher rumänischer Stricher, die an einem Spielplatz an der Ecke Fugger-/Eisenacher Straße ihre Dienste anbietet. „Sie flirten mit den Männern, tanzen sie an und klauen dann den Geldbeutel“, beschreibt Strauß die Masche. Deshalb gehen hier nun regelmäßig rumänische Polizisten mit Berliner Beamten auf Streife.

Kritik an Moscheevereinen

Dass die Täter oftmals einen Migrationshintergrund haben, bestätigt Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg. Dafür gebe es mehrere Erklärungen. Zum einen sei dies in der Religion begründet – Homosexuellenfeindlichkeit ist unter Muslimen weit verbreitet. Zum anderen sei die Akzeptanz verschiedener sexueller Orientierungen in patriarchalen Gesellschaftsgruppen, etwa unter Russlanddeutschen, sehr gering. „Außerdem fällt auf, dass diejenigen, die Homosexualität nicht kennen, öfter solche Lebensformen ablehnen“, so Steinert. Manchmal sei es auch eine Mischung aus Religion, Tradition und Kultur.

Steinert kritisiert die Abschottung großer Moscheevereine gegenüber dem Thema Homosexualität. „Jenseits einer Behauptungsrhetorik tut sich da im praktischen religiösen Leben leider überhaupt nichts“, sagt Steinert. Selbst im katholischen Erzbistum gebe es mehr Bewegung. Auch homosexuelle Muslime hätten es in den Verbänden schwer. „Deshalb sind liberale Moscheen wie die von Seyran Ates so wichtig“, so Steinert. Prävention könne Gewalttaten verhindern: „Wir müssen potenzielle Täter erreichen, bevor es zu Übergriffen kommt.“

Lesbische, schwule, bisexuelle sowie trans- und intergeschlechtliche Menschen, die in Berlin Opfer von homo- und transfeindlich motivierter Gewalt werden, können sich an verschiedene Institutionen wenden