Berlin - Über einen Monat ist es her, dass der 20 Jahre alte Jonny K. auf dem Alexanderplatz zu Tode geprügelt wurde – mutmaßlich von Migranten. Sechs Verdächtige wurden identifiziert, drei von ihnen sind noch nicht gefasst. Jetzt ergreift eine Gruppe von Deutsch-Türken das Wort: „Den Ursachen der Gewalt in unserer Stadt wird nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt und Jonny ist das neueste Opfer dieser sinnlosen und anhaltenden Brutalität“, heißt es in einer Erklärung, die auf Facebook unter dem Stichwort „Wir trauern um Jonny“ zu finden ist.

Jonny K., Sohn einer Thailänderin und eines Deutschen, kam in den frühen Morgenstunden von einer Party, er wurde von einer Gruppe Jugendlicher angegriffen und starb später an seinen Hirnverletzungen. Drei der Verdächtigen sind ins Ausland geflohen, in die Türkei und nach Griechenland. An Gewaltexzessen wie diesen trüge die „Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft, das Justizsystem, die Familien, die Politiker, die im Namen von Migranten agieren sowie Verantwortliche in Bildungs- und Jugendpolitik eine Mitschuld“, heißt es in der Erklärung weiter.

Querschnitt deutsch-türkischer Normalbürger

Die Wortmeldung ist ein beispielloser Vorgang, da sich in der Erklärung kein einziger Name derjenigen befindet, die sonst für sich in Anspruch nehmen, für Migranten zu reden. Die 16 Unterzeichner repräsentieren einen Querschnitt deutsch-türkischer Normalbürger, die in der Vergangenheit eher unsichtbar geblieben sind: Fußballtrainer, Gastwirte, Politologinnen, Pflegerinnen. Viele von ihnen besuchten die Trauerfeier von Jonny K. und stehen im Kontakt mit dessen Schwester.

Sie kritisieren vor allem die Migranten-Vertreter, unter denen die Ansicht verbreitet sei, dass Jonny keiner von ihnen war. „Ich habe ein Wort des Bedauerns vermisst, aber da kam nichts“, sagt eine der Unterzeichnerinnen, die Autorin Gülcin Wilhelm (55).

Bis auf Grünen-Chef Cem Özdemir habe sich keiner der türkischstämmigen Abgeordneten von Linkspartei bis CDU geäußert. „Wenn türkische Kinder die Opfer sind, dann machen sie einen Aufstand, aber wenn sie die Täter sind, wird geschwiegen“, fügt sie hinzu.

Gewalt geht alle an

Auch im Zusammenhang mit den Morden des Terrortrios NSU würden oft nur die acht türkischstämmigen Opfer erwähnt – ohne die deutsche Polizistin und den griechischen Kleinunternehmer. Die Autorin Gülcin Wilhelm macht dafür den „Nationalismus, der aus der Türkei überschwappt“ verantwortlich. Etliche Migrantenvertreter würden sich in ihrer Arbeit mehr auf die türkische Innenpolitik und die dortige Presse konzentrieren.

Mit ihrer Erklärung wollen die Unterzeichner nicht nur Missstände in ihrer Community ansprechen, sondern eine Debatte über das in Deutschland vorherrschende „Wir-Ihr-Denkschema“ anstoßen. „Man darf nicht Menschen in Schubladen schieben: Das ist keiner von uns“, sagt der Sozialarbeiter Ercan Yasaroglu, der seit vielen Jahren in Kreuzberg in der mobilen Elternberatung tätig ist. Gewalt gehe alle an.

Die Ursachen liegen aus seiner Beobachtung vor allem in den Familien. Zwischen den Generationen fänden kein Gespräch mehr statt. „Menschliche Werte wie Mitleid, Liebe, Respekt werden nicht vermittelt, es geht nur noch um Konsum“, sagt der 53-Jährige. Soziale Kontrolle sei ausgehebelt, er spüre das in Kreuzberg, wo er seit 30 Jahren lebt. Unter Jugendlichen falle ihm zunehmend eine „Abzocker-Mentalität“ auf, die Hemmschwellen senke, nach dem Motto: „Wenn mir Opa einen guten Anwalt zahlt, dann bin ich in einem Jahr raus.“ Es sei nicht das erste Mal, dass die deutsch-türkische Lobby sich mit Solidaritätsbekundungen zurückhält. Auch nach dem Tod von Guiseppe Marcone, der von zwei Jugendlichen am Kaiserdamm im September 2011 zu Tode gehetzt wurde, schwiegen sie. Die Angreifer bekamen Bewährungsstrafen.

Kenan Kolat weist Vorwürfe zurück

Der mächtigste deutsch-türkische Lobbyist, Kenan Kolat, weist die Vorwürfe zurück. „Man darf die Debatte nicht ethnisieren. Wenn ein Deutschstämmiger einen Deutschenstämmigen tödlich verletzt, werde ich nicht gefragt“, sagt der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands. Er habe an der Trauerfeier für Jonny K. teilgenommen und werde die Familie bald besuchen, teilte Kolat mit.

Mehrere deutsch-türkische Berliner Abgeordnete äußerten sich befremdet von der Kritik. Der Grüne Özcan Mutlu berichtet, er wollte ursprünglich an der Trauerfeier teilnehmen und schlug vor, die Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) könne eine Rede halten. Als die Familie das nicht wollte, blieb Mutlu der Trauerfeier fern.