Betroffene, aber auch Freundinnen und Nachbarn, können sich bei der BIG Hotline melden. 
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BerlinIn der Corona-Krise leuchtet sie in grellem Rot von Plakaten in Apotheken, von Kacheln in Social Media Tweets. Und sie flimmert über Leinwände in U-Bahnhöfen: Berlins zentrale Beratungshotline 030 – 6110300 für Frauen, die in ihren eigenen vier Wänden misshandelt werden. Dennoch blieb es im März, zu Anfang des Shutdowns, „unheimlich ruhig“ bei der Hotline, die unter anderem vom BIG e.V. betrieben wird. So zumindest formuliert es Doris Felbinger, Geschäftsführerin von BIG. Seit den ersten Lockerungen aber habe sich das geändert: In den zwei Wochen ab dem 23. April sei die Zahl der Anrufe um 30 Prozent gestiegen. „Ebenfalls um 30 Prozent gestiegen ist der Anteil der Frauen, die als direkt Betroffene anrufen“, so Felbinger.

Warum jetzt? Felbinger geht wie viele Experten in dem Bereich davon aus, dass viele Frauen in der Krise nicht die Möglichkeit hatten, sich zu melden. Nicht einmal telefonisch. „Viele Frauen sind zuhause isoliert, allein für die Kinder zuständig, haben ansonsten wenig Kontakt und vielleicht einen potenziell gewalttätigen Partner zuhause“, sagt sie.

Den Anstieg der Zahlen erklärt sie sich mit einem Mix von Gründen: Die Frauen könnten wieder raus, alltägliche Dinge erledigen und seien wieder freier, zu telefonieren. Der Senat habe verstärkt Öffentlichkeitsarbeit betrieben. „Und das Bewusstsein und die soziale Kontrolle ist gestiegen.“ Bei BIG können sich auch Freundinnen oder Nachbarinnen – BIG nennt sie „Unterstützerinnen“ – melden, die wissen wollen, wie sie mit Gewalt in ihrem Umfeld umgehen sollen.

9000 Hilferufe pro Jahr

Trotz ihrer Bedeutung für Berlin, die 3,7-Millionen-Einwohner-Stadt, und trotz der großen Medienkampagne des Senats ist die Hotline spärlich besetzt: nämlich mit ein, maximal zwei Mitarbeiterinnen zeitgleich – und das nur von 8 bis 23 Uhr. BIG arbeitet im Verbund mit fünf Fachberatungs- und Interventionsstellen zusammen, um sie zu besetzen.

Nachts gibt es also gar keine telefonische Anlaufstelle für Betroffene speziell in der Hauptstadt. Und auch tagsüber genüge das Personal nicht an allen Tagen, sagt Felbinger. Im Schnitt nehme BIG bisher 8000 bis 9000 Anrufe pro Jahr entgegen – pro Tag sind das 20 bis 25. Die Zahl aber könne stark schwanken und lasse sich kaum vorhersehen. An manchen Tagen reiche die Besetzung, an anderen nicht: „Es gibt Zeiten, in denen die Leitung belegt ist, wenn Frauen anrufen.“

Auch sonst hat BIG das Problem: Man würde gerne mehr tun – wenn denn das Geld dafür da wäre. 1,36 Millionen Euro gibt der Senat, den allergrößten Batzen die Gesundheitsverwaltung, pro Jahr. Die 30 BIG-Mitarbeiter sind neben der Hotline auch in Projekten zu Koordinierung und Prävention tätig. Vier von ihnen gehen an Grundschulen und bringen Kindern der vierten bis sechsten Klassen spielerische Wege der gewaltfreien Kommunikation bei. „Für mehr Jahrgänge können wir das nicht anbieten“, sagt Felbinger. Dabei, denkt sie, werde es auch an den Schulen nun verstärkt Bedarf geben – wenn die Kinder zurück zum Unterricht kommen.

Die FDP fordert, dass die Hotline ebenso wie die Prävention ausgebaut wird: „Die Hotline muss 24 Stunden am Tag erreichbar sein“, sagt Maren Jasper-Winter, frauenpolitische Sprecherin der FDP. Früher war das tatsächlich der Fall, auch eine Nachtwohnung gab es, zu der Frauen mit akutem Hilfebedarf direkt gebracht werden konnten. Doch ein privater Sponsor brach weg, der das Angebot mitfinanzierte – und die Nachthotline wurde eingestellt.

Hotels könnten bald wegfallen, siebtes Frauenhaus in Entstehung

Doch die To-Do-Liste des Senats in dem Bereich ist lang – und gespickt mit vielen, drängenden Aufgaben: Die Verwaltung hat in der Krise früh zwei Hotels für von Gewalt betroffene Frauen angemietet. Von den 130 Plätzen, die so extra geschaffen wurden, sind derzeit 59 belegt, teilte Staatssekretärin Barbara König im Gesundheitsausschuss am Montag mit. Dort wurde ebenfalls erklärt: Die in der Krise unter Sonderkonditionen geschlossenen Verträge mit den Beherbergungsbetrieben ermöglichen beiden Seiten, innerhalb von nur 14 Tagen zu kündigen. Man sei nun auf der Suche nach Ausweichmöglichkeiten, teilte die Senatsgesundheitsverwaltung mit, „falls die Hotels von ihren Kündigungsfristen Gebrauch machen sollten“. Hotels können seit Montag wieder für Touristen öffnen.   

Auch das siebte Frauenhaus sei weiter in der Entstehung, die Eröffnung Ende des Jahres, Anfang 2021 geplant. Für Anja Kofbinger, frauenpolitische Sprecherin der Grünen, ist es ein unbedingtes Muss noch für 2020: „Das Frauenhaus muss noch in diesem Jahr kommen“, so Kofbinger. „Wehe, wenn nicht.“

Frauenhäuser zu rund 70 Prozent belegt 

Frauenhäuser: Die rund 430 Plätze in den sechs Frauenhäusern und den zwei neuen Hotels in Berlin reichen laut Verwaltung aktuell aus, um Berlins Bedarf in der Krise zu decken. Die Auslastung habe in den vergangenen Wochen zwischen 65 und 72 Prozent geschwankt, teilte die Verwaltung am Montag im Gesundheitsausschuss mit.

Polizei: Die Polizei verzeichnet vom 16. März bis 17. Mai einen Anstieg von 20 Prozent bei den Funkwageneinsätzen wegen häuslicher Gewalt im Vergleich zu 2019. Sie vermutet, dass ein Grund dafür auch ist, dass Nachbarn nun häufiger zuhause sind und den Notruf wählen.

Dunkelziffer:  Bei Polizei, den Amtsanwaltschaften und Familiengerichten zeichnet sich bisher kein deutlicher, dauerhafter und mit der Krise begründbarer Anstieg ab, teilten Vertreter der Innen- und Justizverwaltung mit. Beide aber warnten vor einem Aufatmen und der hohen Dunkelziffer.