Berlin - Noch nie seit Beginn der statistischen Erhebungen sind so viele Gewaltvorfälle, Bedrohungen und Beleidigungen an Berliner Schulen erfasst worden wie im vergangenen Jahr. Das bestätigte am Montag ein Sprecher der Bildungsverwaltung. Der neue Gewaltpräventionsbericht für das Schuljahr 2011/12 listet genau 1836 Gewaltvorfälle und Notfälle auf. Das ist gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg um 25 Prozent. Besonders auffällig ist der deutliche Anstieg der Meldungen aus Grundschulen.

Die Anzahl der gemeldeten Fälle von schwerer körperlicher Gewalt ging im gleichen Zeitraum aber um elf Prozent zurück. „Unter schwerer körperlicher Gewalt verstehen wir Taten, die mit Waffen wie etwa einem Baseballschläger begangen werden und bei denen es zu Verletzungen kommt“, erläutert Schulpsychologe Jan Wolter, der als Angehöriger eines Krisenteams in Schulen in Tempelhof-Schöneberg unterwegs ist. „Insgesamt zeigen die Zahlen, dass die Lehrer stärker sensibilisiert sind und Schulen schon frühzeitig offensiv gegen aggressives Verhalten vorgehen“, sagt Wolter.

Dennoch geben die erfassten Vorfälle Anlass zur Sorge: Fast die Hälfte, der gemeldeten Fälle – nämlich 48 Prozent hatte mit dem sogenannten Gefährdungsgrad I zu tun. Es geht also um „Beleidigung, Drohung, Tätlichkeit und Mobbing“. Darunter verstehen die zuständigen Schulpsychologen um Ria Uhle „zum Beispiel anpöbeln, beleidigen, beschimpfen, an den Haaren ziehen, schubsen, schlagen oder treten“. Hier gab es einen rasanten Anstieg.

238 schwerwiegende Bedrohungen

Interessant dabei: Vor fünf Jahren hatte die Schulverwaltung verfügt, dass diese Fälle nicht mehr zwingend gemeldet werden müssen. Das hatte zunächst für einen Rückgang gesorgt. Doch nun melden immer mehr Schulen diese teils weniger gravierenden Fälle doch wieder. Freiwillig. Schulpsychologe Wolter kann das verstehen: „Wenn ein Schüler mit Mobbing und Beschimpfungen durchkommt, verübt er womöglich später auch schwere Gewalttaten.“

Immerhin 17 Prozent der gemeldeten Fälle hatten im vergangenen Schuljahr mit schwerer körperlicher Gewalt zu tun, das waren 459 Fälle. Und in 13 Prozent der Fälle ging es um schwerwiegende Bedrohungen, etwa um Mord- oder Amokdrohungen. Das waren 238 Fälle. Beispielsweise drohte ein Schüler auf Facebook mit einem Amoklauf an seiner Schule. Zur Einordnung: In Berlin gibt es insgesamt knapp 800 staatliche Schulen.

Für den Schulpsychologen Jan Wolter ist es nicht verwunderlich, dass Grundschullehrer besonders sensibel auf Beschimpfungen und Mobbing reagieren. „Die Klassenleiter kennen ihre Lerngruppe normalerweise sehr gut.“ Wichtig sei, in kritischen Situationen das Gespräch auch mit den Eltern zu suchen.

Überraschend ist, dass nach Mitte die meisten Gewaltvorfälle inzwischen aus Steglitz-Zehlendorf gemeldet werden. So richtig erklären kann das auch Schulpsychologe Wolter nicht. „Dort ist viel an Fortbildung und Seminaren gelaufen“, sagt er.

Besonders besorgniserregend: Ein Viertel aller Gewaltvorfallmeldungen beinhaltet Übergriffe auf Lehrer. Das sind meist Bedrohungen, in gut jedem zehnten Fall kam es aber auch zu schwerer körperlicher Gewalt. „Es ist mir ganz wichtig, dass jegliche Übergriffe auf Lehrer sofort registriert werden“, sagte Wolter. Das gefährde auf massivste Weise den Schulfrieden und führe dazu, dass Lehrer ernsthaft erkranken.