Gewaltverbrecher angeklagt: Amokläufer vom Wrangelkiez vor Gericht

Sein Strafregister füllt mehrere Ordner. Seit rund 18 Jahren ist er kriminell. Festgenommen wurde er häufig. Im Gefängnis sitzt der Mann jedoch erst seit August. Jetzt ist Anklage gegen ihn erhoben worden
Die Leute im Wrangelkiez erinnern sich heute noch mit Schrecken an Coskun P. und seinen Amoklauf in der Nacht zum 25. Juli dieses Jahres. Er peitschte mit einem Gürtel eine Frau vom Rad und drosch anschließend so heftig auf sie ein, dass die Frau Angst um ihr Leben hatte. Er schlug zwei Passanten beim Vorübergehen unvermittelt ins Gesicht. Zwei Männern stach er mit einem Messer in die Hände. Selbst Polizisten wurden Opfer seiner Gewalt.

SEK überwältigt den Amokläufer

Der drogensüchtige und geisteskranke Mann wurde in die Psychiatrie gebracht. Nach zwei Tagen wurde er entlassen, weil er die Voraussetzungen für einen Aufenthalt in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik nicht erfüllte. Kaum war er frei, tyrannisierte er erneut den Kiez. Nach weiteren Straftaten unterschrieb ein Richter einen Haftbefehl.

Am Nachmittag des 2. August, einem Freitag, beendete ein Team des Spezialeinsatzkommandos (SEK) die Gewaltserie des Coskun P. aus Kreuzberg. Gegen 17.30 Uhr überwältigten SEK-Beamte den Gewalttäter auf dem Gehweg in der Sorauer Straße in Kreuzberg. Zeugen berichteten, dass er sich gewehrt und um sich geschlagen habe. Coskun P. sitzt derzeit in Untersuchungshaft in Moabit und wartet auf seinen Prozess.

Nun liegt die Anklage vor. Gerichtssprecher Tobias Kaehne bestätigte das auf Anfrage. Nach seinen Worten wird dem 33 Jahre alten Mann Widerstand gegen Polizeibeamte, Beleidigung, Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr vorgeworfen.

Der in Berlin geborene Mann mit türkischer Herkunft ist psychisch krank, sagen Polizisten und bezeichnen ihn als einen der unberechenbarsten, brutalsten und gefährlichsten Intensivtäter der Stadt. Er sei völlig emotionslos, sagen sie und rechnen damit, dass Coskun P. für mehrere Jahre weggeschlossen wird. 23 Straftaten, so die Polizei, beging er bereits in den ersten acht Monaten dieses Jahres. Das geht aus Polizeiakten hervor.

Gäste eines Lokals erinnern sich: Er kam in die Kneipe, legte ein paar Pistolen-Patronen auf den Tisch und verlangte vom Wirt, dass er den Laden sofort schließt, sagen Anwohner aus der Wrangelstraße. Ansonsten drohte er damit, das Lokal selbst zu schließen. Das soll sich am 25. Juni dieses Jahres zugetragen haben. Einen Tag zuvor soll er, mit einem Baseballschläger bewaffnet, ein anderes Lokal betreten und gefordert haben, dass der Laden geschlossen wird. Auch in diesem Fall drohte der Mann, den Laden selbst zu schließen.

Wenn der Mann einen Selbstbedienungsladen im Kiez betrat, berichten Anwohner, konnte es durchaus vorkommen, dass er kurz ein Messer aus der Jacke zog und Angestellte oder Kunden zwang, ihn zu bedienen. Dabei schrie er, stürzte sich auf Mitarbeiter, randalierte oder er wurde handgreiflich.

Einem Hausmeister soll er in einem Café mit dem Tod gedroht haben. Mit den Worten: „Wenn ich und meine Kumpels mit Dir fertig sind, wirst Du keine Brille mehr brauchen“, soll er geschrien haben. Und: „Die Bullen können mir nichts“. Der 56 Jahre alte Hausmeister erstattete Anzeige wegen Bedrohung. Einen Grund für die Inhaftierung von Coskun P. sahen die Behörden nicht.

Immer wieder nahm die Polizei den Mann fest. Aber die Gründe für eine Verhaftung waren für die Richter nicht ausreichend. Nach den Vernehmungen lief er in den Kiez und brüllte, dass er ihm gehöre. Seine Krankheit reiche jedoch nicht aus, ihn in die Psychiatrie zu sperren. Er handele schuldlos, wenn er seine Sinne nicht selbst unter Kontrolle hat, sagten Fachleute aus der Justizverwaltung.

Brief an Wowereit und Henkel

Die Polizei suchte weiter nach einem Weg, Coskun P. strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen und Haftbefehl zu erlangen. Das war erst nach dem Amoklauf im Juli dieses Jahres möglich. Zuvor hatten sich Anwohner an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), an Innensenator Frank Henkel (CDU) und an Polizeipräsident Klaus Kandt gewandt und um Hilfe gebeten. Die Verfasser baten die Empfänger des Schreibens unter anderem darum, den Kiez einmal zu besuchen und sich mit verängstigten Bewohnern zu treffen. Dass der Brief unmittelbar mit der folgenden Festnahme zusammenhing, wurde von den Sicherheitsbehörden bestritten.

Nach deren Angaben wurde Coskun P. das erste Mal im Alter von 15 Jahren straffällig. Damals soll er an einem Überfall auf einen gleichaltrigen Jungen im Volkspark Friedrichshain beteiligt gewesen sein. Das Opfer erlitt von mehreren Jugendlichen 20 Messerstiche in den Bauch, in die Lunge und in die Arme. Drei Operationen und 13 Blutkonserven waren nötig, um dem Schüler das Leben zu retten. Die Angreifer sagten bei ihrer Vernehmung, dass sie aus Lust an einer Prügelei angegriffen hatten.