Berlin - Jahrelang prägten Industriebrachen Berlins Erscheinungsbild. Die Stadt verfügte über riesige Flächenreserven, gleichzeitig fehlte es an Investoren. Doch diese Zeiten sind vorbei, Flächen für neue Gewerbeansiedlungen sind knapp geworden. Diese Situation könnte sich weiter verschärfen, falls der Flughafen Tegel nach der Eröffnung des BER nicht wie geplant in einen Unternehmenspark umgewandelt wird. Am 24. September geben die Berliner dazu ihr Votum in einem von der FDP initiierten Volksentscheid ab.

Nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gab es Ende 2015 noch ein Potenzial von 316 Hektar gewerblicher Bauflächen in Berlin. Bei einer Erhebung habe man seinerzeit ermittelt, dass der jährliche Flächenbedarf der Unternehmen bei rund 25 Hektar liegt. Demnach wären derzeit noch rund 260 Hektar verfügbar.

Sie verteilen sich insbesondere auf den Osten und Südosten. In Marzahn-Hellersdorf sollen sich in den nächsten Jahren Unternehmen im Cleantech Business Park ansiedeln, wo rund 60 Hektar zur Verfügung stehen. Im Technologiepark Adlershof gibt es noch 40 Hektar, die Erschließung des ehemaligen Verschiebebahnhofs Schöneweide mit 45 Hektar soll in den nächsten Jahren erfolgen. Das war’s im Wesentlichen.

„Tegel hat Qualitäten“

In weiten Teilen West-Berlins gibt es kaum noch potenzielle Gewerbeflächen. Detailliertere Daten gibt es allerdings nicht, ein Gewerbeflächenkataster befindet sich derzeit im Aufbau.

Die Rechnung, warum Tegel entscheidend wird, ist einfach. Laut Masterplan für die Nachnutzung des Flughafengeländes sind 82 Hektar für Industrieflächen vorgesehen und 70 Hektar für weiteres Gewerbe. Auf einen Schlag stünden dem Markt also rund 60 Prozent mehr Flächen zur Verfügung als heute.

Nach Einschätzung der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) ist die Wirtschaft dringend auf die Flächen des Flughafens angewiesen. „Tegel hat Qualitäten, die es nur an wenigen derzeit verfügbaren Standorten gibt“, sagte Jochen Brückmann, Leiter der Abteilung für Stadtentwicklung bei der IHK, der Berliner Zeitung.

Flächen nicht wahllos vergeben

Der Flughafen sei nicht nur hervorragend erreichbar. Er biete auch große Flächen für industrielle Nutzung. Solche Grundstücke seien Mangelware in Berlin. Ein weiterer Aspekt sei wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt, sagte Brückmann: „Tegel würde die Preise dämpfen.“ Das produzierende Gewerbe konkurriere zunehmend mit dem Wohnungsbau um Flächen, aber auch mit Entwicklern von Bürogebäuden.

Denn auch in diesem Segment herrscht dank der guten wirtschaftlichen Entwicklung in Berlin großer Druck. Nach Angaben der Wirtschaftsförderer von Berlin Partner stehen derzeit nur 2,7 Prozent der Büroflächen in Berlin leer. Dies sei ein historischer Tiefstand. Von den 300.000 Quadratmetern Bürofläche, die sich im Bau befinden, sei ein großer Teil bereits vorvermietet.

Ein Vorzug in Tegel wäre, dass die Unternehmen auf einem großen Teil des Geländes nur wenigen Auflagen unterliegen. In weiten Teilen Berlins gelten strenge Grenzwerte etwa für mögliche Erschütterungen oder Lärm, den größere Maschinen verursachen. Allerdings sollen die Flächen in Tegel nicht wahllos vergeben werden. Das Entwicklungskonzept sehe vor, dass sich dort technologieorientierte Firmen ansiedeln sollen, sagte der Sprecher der Tegel Projekt GmbH, Hans Peter Koopmann, der Berliner Zeitung. Eine Spedition oder ein Schrotthändler würden eher nicht zum Profil passen.

CDU sieht keinen Mangel

Während die rot-rot-grüne Koalition beim Volksentscheid für die Schließung eintritt, will die eigentlich wirtschaftsfreundliche Opposition Tegel offen halten und verweist auf die Erreichbarkeit Berlins. Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Christian Gräff, bezweifelt, dass in Berlin Gewerbeflächen fehlen. „Gerade im Cleantech-Park haben wir noch große Potenziale“, sagte er der Berliner Zeitung.

Die Berliner Mittelstandsvereinigung der Union (MIT), der Gräff vorsteht, hatte sich kürzlich dafür ausgesprochen, Tegel offen zu halten, bis der Flugbetrieb am BER reibungslos funktioniere. Nach seiner Einschätzung dauere dies länger als die vorgesehenen sechs Monate, sagte Gräff.