Berlin - Seit zehn Jahren arbeiten Sibylle und Lothar Kempe in ihrer Schreinerwerkstatt. Diese befindet sich im Gewerbegebiet Naumannstraße zwischen S-Bahntrasse und Gründerzeit-Wohnhäusern in Schöneberg. Zu ihren Nachbarn zählen unter anderem eine Schlosserei, ein Containerverleih, eine Spedition sowie mehrere kleinere Kfz-Betriebe. Auch Künstler haben dort Ateliers, Lager oder Ausstellungsräume gemietet. Einzelne Betriebe sind dort schon seit den 1930er-Jahren etabliert.

Doch seit Kurzem herrscht Unruhe auf dem Gelände. Denn der bisherige Eigentümer, die bundeseigene Anstalt für Immobilienaufgaben (Bima) hat das 80.000 Quadratmeter große Areal verkauft.

Neuer Besitzer ist die Holding von Karstadt-Besitzer und Milliardär Nicolas Berggruen. Am 1. November ist die offizielle Übergabe, doch schon jetzt sind Vertreter des neuen Eigentümers auf dem Gelände unterwegs. Und verursachen einigen Wirbel unter den etwa 50 Mietern. Es geht um Mieterhöhungen und neue Verträge. Wer diese nicht akzeptiert, muss gehen.

„Uns wurde ein Mietvertrag angeboten, der eine Steigerung von 60 Prozent beinhaltet“, sagt Schreinerin Sibylle Kempe. Was erst mal ungebührlich hoch klingt, betrachtet man die Zahl allein. Doch die bisherigen Mieten auf dem Gewerbegelände lagen zwischen zwei und vier Euro nettokalt. Was für innerstädtische Gewerbemieten ungewöhnlich niedrig ist. Die Bima hat sich allerdings kaum um das Gebiet gekümmert, die Gebäude sind marode, der Leerstand ist hoch. Die Kempes haben das Berggruen-Angebot akzeptiert, obwohl es schwer werde, über die Runden zu kommen: „Aber wenn es jetzt hier attraktiver wird, kann es nur gut für alle sein“, sagt Sibylle Kempe. Für alle, die bleiben können. Und die bleiben dürfen. Denn einigen Mietern, kleinen Autoschraubern etwa, seien gar keine Verträge angeboten worden. Wird also ausgesiebt im Imperium von Nicolas Berggruen?

Natürlich nicht, heißt es bei der Holding. „Wir wollen niemanden kündigen“, versichert Sprecherin Ute Kiehn. Jedoch seien Mieten von zwei, drei Euro viel zu niedrig, um das Gelände in Ordnung zu bringen. Fünf Euro pro Quadratmeter müsse man dafür schon aufrufen. „Allein für die Reparatur von Dächern, der Elektrik und der Einfriedung sind drei Millionen Euro nötig.“ Geplant sei eine Quartier für Kunst und Kreative. 1100 Quadratmeter sind an die Gesellschaft für Stadtentwicklung GSE vermietet. 27 Künstlerateliers sollen dort entstehen, der Bundesverband Bildender Künstler übernimmt die Verteilung.

Im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg ist man froh, dass sich an der Naumannstraße etwas tut. Jedoch, so sagt Sibyll Klotz (Grüne), Stadträtin für Stadtentwicklung: „Wir werden die Entwicklung sehr aufmerksam begleiten.“ Man müsse aufpassen, dass kleine Gewerbetreibende dort nicht verdrängt werden. „Das Gelände ist laut Bebauungsplan als Gewerbegebiet vorgesehen und dabei bleibt es“, so die Stadträtin.