Der rot-rot-grüne Senat hat große Pläne für die S-Bahn. In Zukunft sollen Dienstleister Züge kaufen und instand halten, für den Fahrbetrieb andere Unternehmen verantwortlich sein. Inzwischen hat die Suche nach Firmen begonnen, die sich für das neue Organisationsmodell interessieren. Bei S-Bahnern stoßen die Pläne jedoch auf Widerstand.

„Wir warnen davor, die S-Bahn zu zerstückeln. Wer das versucht, muss mit heftigen Reaktionen rechnen“, sagte Heiner Wegner von der Werkstatt Erkner. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sieht das Vorhaben ebenfalls kritisch. „Es geht an den Themen der Menschen in dieser Stadt vorbei“, sagte ein Sprecher auf Anfrage.

Kaum ein Berliner wird sie gelesen haben, die Vorabinformation 2017/ S 243 - 506422, die neun Tage vor Heiligabend im Internet unter www.ted.europa.eu erschienen ist. Normalerweise klicken nur Firmen, die sich an Ausschreibungen beteiligen wollen, diesen Teil des Europäischen Amtsblatts an. Doch der Aufruf zum Wettbewerb, den der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) im Auftrag der Länder veröffentlicht hat, ist nicht zu unterschätzen. Er ist der erste offizielle Vorbote für die große Veränderung, die für die S-Bahn geplant ist.

„CSU mit grünem Anstrich“

Gesucht werden Unternehmen, die sich dafür interessieren, S-Bahnen zu betreiben. Zum einen geht es um die S-Bahn-Linien S3, S45, S5, S7, S75 und S9 – das Teilnetz Stadtbahn. Auch der Fahrbetrieb auf dem Teilnetz Nord-Süd soll neu vergeben werden – dabei handelt es sich unter anderem um die S1, S2 und S25. Die Verträge sollen schrittweise ab Dezember 2023 beginnen und ebenfalls gestaffelt bis 2031/ 2033 enden. Was ist nun das Neue? Es geht nur um den Fahrbetrieb – nur darum, Verkehrsleistungen zu erbringen.

Für die Bereitstellung der S-Bahnen sollen andere Firmen, die separat gesucht werden, zuständig sein. Heute werden die S-Bahnen von der S-Bahn Berlin GmbH, einem Unternehmen der Deutschen Bahn, instand gehalten und gefahren. Diese Funktionen sollen getrennt werden, um die Verantwortung zu verteilen und mehr Wettbewerb zu ermöglichen, so der Senat.

Werkstätten stehen zur Disposition 

Damit steht die Zukunft der heutigen S-Bahn-Werkstätten zur Disposition. Das habe viele Kollegen in Unruhe versetzt, sagte Wegner. „Die Mitarbeiter der Instandhaltung sind sauer auf die rot-rot-grüne Koalition“ – insbesondere auf die von den Grünen nominierte Verkehrssenatorin Regine Günther. „Ich habe manchmal den Eindruck, dass es sich bei den Grünen um die CSU mit grünem Anstrich handelt.“ Wettbewerb werde keine Probleme lösen, sondern neue schaffen, zum Beispiel bei der Koordination zwischen den verschiedenen Unternehmen.

„Billig ist geil – das darf bei der S-Bahn nicht die Maxime sein“, so Wegner. Der öffentliche Verkehr dürfe nicht der Gewinnmaximierung dienen. Dies habe die S-Bahn-Krise von 2009/2010 klar gezeigt. „Statt ordnungspolitische Experimente zu veranstalten, sollte sich der Senat mit den wahren Problemen dieser Stadt befassen“, so die EVG. So müsse das Streckennetz ausgebaut werden. Wichtig sei auch ein stabiler S-Bahn-Fahrplan: „Das erreichen wir nicht, indem zwischen Infrastruktur, Betrieb und Instandhaltung zusätzlich künstliche Schnittstellen geschaffen werden.“