Berlin - Als Julius Bolz vor knapp drei Jahren in Berlin das Start-up Lendis gründete, wussten allenfalls Biertrinker mit Corona etwas anzufangen, und Präsenzarbeit in deutschen Großraumbüros war so selbstverständlich wie die vernachlässigte Grünpflanze neben dem Papierkorb. Doch inzwischen hat sich viel verändert. „Corona hat unser Geschäft beflügelt“, sagt Bolz mit einer für einen Jungunternehmer überraschenden Bescheidenheit. Tatsächlich hat die Pandemie die Umsätze von Lendis explodieren lassen. Denn das Start-up vermietet Büromöbel und Computer im monatlich kündbaren Abo-Paket und wurde somit zum gefragten Problemlöser im plötzlich entfachten Homeoffice-Boom. „Es hätte nicht besser laufen können“, sagt Bolz.

Der 31-Jährige ist gebürtiger Berliner. Das Start-up hat er zusammen mit  Stavros Papadopoulos erdacht und aufgebaut. Die beiden kennen sich vom BWL-Studium an der Elite-Uni WHU in Vallendar bei Koblenz, die als die Gründer-Geburtsklinik der Nation gilt, seit von WHU-Absolventen gegründete Unternehmen wie Rocket Internet, Zalando oder Hellofresh an den Börsen gehandelt werden. „Die Uni infiziert einen mit der Gründeridee“, sagt Bolz, der nach dem Studium dennoch bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group anheuerte. Vier Jahre bleibt er dort und nennt den Job eine gute Schule. Er habe gelernt, wo in Firmen die Probleme stecken, sagt er. „Zum Beispiel in der Büroausstattung.“

Foto:  Lendis
Die Lendis-Gründer Julius Bolz und Stavros Papadopoulos (r.).

Damals hatten die beiden Endzwanziger schnell die „Verwaltung und Bereitstellung von Büroausstattung“ als dringend reformbedürftig ausgemacht. Kaum ein Unternehmensbereich laufe analoger ab, werde so unflexibel gemanagt und binde so viele Ressourcen, die nichts mit der Wertschöpfung und der Kernkompetenz der Unternehmen zu tun haben, sagt Bolz.

Von einem kleinen Büro im ehemaligen Haus der Gesundheit am Alexanderplatz aus vermieteten die Jungunternehmer dann die ersten Schreibtische und Stühle. Neu war ihre Geschäftsidee nicht und Konkurrenz groß. Einige Anbieter sind bereits seit Jahren im Geschäft. Selbst Ikea begann vor zwei Jahren in der Schweiz mit der testweisen Vermietung von Skarsta-Schreibtischen und Järvfjället-Bürostühlen an Firmenkunden.

Die Nachfrage ging um 300 Prozent nach oben

Lendis hat sein Angebot jedoch längst ausgebaut. Inzwischen gehören auch Technik, Elektronik und der komplette Service zum Programm. Neben Möbeln gibt es also auch den Laptop und das Smartphone. Das Start-up organisiert Lieferung, Aufbau und Installation, Versicherungsschutz, Einhaltung der Arbeitsschutzvorschriften sowie das Management von Software-Lizenzen für jeden einzelnen Mitarbeiter. Alles ist monatlich kündbar.

„Netflix fürs Büro“ nennt Bolz sein Geschäftsmodell. Mit dem ersten Lockdown im vergangenen März und der bundesweiten Entdeckung des Zuhause-Büros gelang der Durchbruch. „Wir hatten genau zum richtigen Zeitpunkt die perfekte Lösung“, sagt der Lendis-Chef. Insgesamt sei im vergangenen Jahr die Nachfrage nach Laptops um 300 Prozent nach oben gegangen, die nach Smartphones um 200 Prozent. Bei Möbeln habe das Plus bei über 50 Prozent gelegen.

Mittlerweile betreut Lendis über 50.000 Arbeitsplätze bei mehr als 700 Firmen. Bekannte Unternehmen wie Lufthansa, Toyota, die Smartphone-Bank N26 oder der WWF gehören zu den Kunden, namhafte Investoren setzen auf weiteres Wachstum. Holtzbrinck Capital (Zalando, Delivery Hero, Flixbus), DN Capital (Auto1, Misterspex) und Picus Capital von Alexander Samwer sind beteiligt. Wie viel genau sie bislang in das Jungunternehmen investiert haben, will Bolz nicht verraten. Es sei ein „zweistelliger Millionenbetrag“, sagt er.

Mitarbeiterzahl soll verdoppelt werden

Mit dem Kapital haben Bolz und Papadopoulos einiges vor. Nachdem hierzulande Erfahrungen gesammelt wurden, wollen sie mit Lendis Europa erobern. Frankreich, die Niederlande und Großbritannien stehen ganz oben auf der Agenda. Noch im Laufe des Jahres soll die Mitarbeiterzahl der jetzt 50-köpfigen Firma verdoppelt werden. Mittelfristig will das Unternehmen zur Nummer eins in Sachen Arbeitsplatzmanagement auf dem Kontinent aufsteigen.

Für Bolz steht fest, dass der Bedarf nach flexiblen Arbeitsplatzlösungen in den nächsten Jahren rasant steigen und sich das Homeoffice als Alternative zum klassischen Büro weiter durchsetzen wird. „Es gibt keinen Weg zurück“, sagt er. Seiner Einschätzung nach werde sich die Bürofläche für feste Schreibtisch-Arbeitsplätze in den nächsten zehn Jahren um mindestens ein Drittel verringern. „Die Zeit, in der man nur noch im Büro gearbeitet hat, ist definitiv vorbei.“