Früher ging ohne sie keine Post ab: Briefmarken gehörten auf Urlaubskarten, auf Briefe und selbst auf Pakete. Heutzutage werden Kuverts am Deutsche-Post-Schalter mit hässlichen schwarz-weißen Aufklebern versehen, die keine Zunge und keinen Feuchtschwamm mehr brauchen; nicht hübscher ist die Online-Frankierung aus dem heimischen Drucker. Und Urlaubsgrüße mit eigenen Gipfelstürmerfotos verschickt man mittels App aus dem Handy heraus – dank des Berliner Unternehmens My Postcard. In Zeiten der digitalen Kommunikation mutet es also anachronistisch an, Worte auf den klassischen Postweg zu geben – Briefmarke inklusive.

Wertvolle Arbeit für Behinderte

Ähnlich aus der Zeit gefallen scheinen die Kästchen zu sein, die an etwa 50 ganz unterschiedlichen Stellen in Berlin zu finden sind: im Hauptzollamt, im Auguste-Viktoria-Klinikum und in der Technischen Fachhochschule, in einigen Apotheken, Supermärkten und Kirchen, bei der CDU Neukölln, einem Kreuzberger Antiquariat und einem Dritte-Welt-Laden in Spandau. In diesen Kästchen werden gebrauchte Briefmarken gesammelt, die anschließend an die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel gehen. 125 Behinderte sind in der Briefmarkenstelle damit beschäftigt, die entwerteten Postwertzeichen vom Papier zu lösen, zu reinigen, zu sortieren und zu verpacken.

v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel
Behinderte arbeiten schon seit mehr als hundert Jahren Postwertzeichen  in der Bethel-Briefmarkenstelle auf.  

Erfreulicherweise nimmt die Zahl der an Bethel adressierten Zusendungen nicht in gleichem Maße ab wie das Vorkommen der Briefmarke auf Postsendungen. Nur geringfügig rückläufig sei das Aufkommen der Ausschnittware, heißt es dort.  Immer noch erreichen jeden Werktag  mehr als 400 Pakete, Päckchen und Briefe mit den gezackten Kostbarkeiten die gemeinnützige, in Bielefeld beheimatete Organisation. 29 Tonnen Briefmarken kommen so pro Jahr zusammen. Die aufbereitete Ware wird in 100-Gramm-Tütchen für zwölf Euro verkauft, zehn Kilo sind für 130 Euro zu haben.

Gedacht ist die Kiloware für Briefmarkensammler. Aber gibt es die überhaupt noch? „Wir nehmen keine Änderungen bei der Nachfrage wahr“, berichtet die Bethel-Pressestelle.  Das ist gut für die Mitarbeiter der Sammelstelle, die seit mindestens 1888 existiert. Denn die Zahl ihrer potenziellen Kunden nimmt ab.  Statt der einst rund zwei Millionen Briefmarkensammler hierzulande gäbe es aktuell noch 800.000, schätzt der Experte vom Bund Deutscher Philatelisten (BDPh). Auch in Berlin existieren zwei Dutzend Philatelisten-Vereine, die sich mitunter auf ganz spezielle Sammelgebiete kaprizieren. Inzwischen gäbe es sogar schon Sammler, so heißt es beim BDPh, deren Leidenschaft den  schwarz-weißen Post-Aufkleber mit dem QR-Code gilt.