Glanzbild, Glitzer, Leidenschaft: Berlinerin entwirft einen Poesiealbum-Kalender

Stavroula Papalitsa hat 2000 Lebensweisheiten gesammelt, die schönsten ausgewählt und mit eigenen Collagen aus Oblaten zu einem Kalender komponiert. Reizend!

Stavroula Papalitsa gibt einen Poesiealbum-Kalender heraus.
Stavroula Papalitsa gibt einen Poesiealbum-Kalender heraus.Volkmar Otto

„Ich wünsche dir einen Schutzengel, und sei er noch so klein, er möge immer bei dir sein.“ Stavroula Papalitsa erinnert sich noch sehr gut an diesen Spruch, den ihr die Klassenkameradin Dagmar ins Poesiealbum geschrieben hatte. Dazu eine Oblate in Form eines Engels, mit Glitzer natürlich und fein säuberlich eingeklebt. Fast 50 Jahre später braucht Stavroula Papalitsa, 55, diesen Schutzengel. Sie hat Krebs und weiß nicht, wie lange sie noch leben wird. Um sich von ihrer Krankheit abzulenken, hat sie jetzt einen Poesiealbum-Kalender für 2023 herausgebracht. Und auch deshalb, weil sie Poesie liebt.

2000 Sprüche hat Stavi, so lautet ihr Künstlername abgekürzt, in den vergangenen Monaten gelesen. Viele davon sind schon oft in Poesiealben geschrieben und gelesen worden. Ihre 13 Lieblingssprüche sind jetzt in ihrem Kalender verewigt, von Januar bis Dezember und auf dem Deckblatt. „Ich habe alles in Handarbeit gemacht und dafür mehr als 600 Stunden gebraucht“, sagt sie.

Die Collagen aus Glanzbildern, passend zu jedem Spruch und Monat, hat die Künstlerin selbst entworfen. Sie fotografierte nächtelang, schnitt etwa 1300 Glanzbilder aus, Blumensträuße, Engel, Tiere. Jedes einzelne verzierte sie aufwendig mit viel Glitzer.

„Meine Recherche hat ergeben, dass es solch einen Kalender bislang noch nicht in Deutschland gibt“, erzählt Stavroula Papalitsa, während sie ihren Milchkaffee rührt. Sonst trinkt sie lieber griechischen Tee aus den Bergen. Heute ist sie mal von ihrer Gewohnheit abgewichen. Sie ist müde von der vielen Arbeit.

Kunst als Therapie: „Mit dem Kalender möchte ich Lebensfreude teilen“

Für die Griechin, die in Wilmersdorf lebt, war das Kunstprojekt auch Therapie. 2016 erfuhr sie, dass sie unheilbar krank ist. „Ich hatte schon lange ein eigenartiges Gefühl oberhalb der Lippe. Es hat gedrückt und gekribbelt. Es hat sich angefühlt, als wenn man kleine Stromstöße unter der Haut bekommt“, erinnert sie sich.

Sie ging zu verschiedenen Ärzten, keiner konnte ihr helfen. Erst drei Jahre später veranlasste ihr Zahnarzt eine Biopsie und fand die Wahrheit heraus: Stavroula Papalitsa hat einen bösartigen Tumor, ein Adenokarzinom, das sich aus Drüsengewebe entwickelte, im Gesicht.

„Der Arzt sagte mir, dass der Tumor hochaggressiv ist und ein Großteil meiner linken Gesichtshälfte entfernt werden muss“, sagt sie. Danach habe sie unter Schock gestanden und sich mehrere Meinungen unterschiedlicher Mediziner eingeholt. Niemand konnte ihr etwas Positives sagen. „Ein bis zwei Jahre etwa“ hätten die Ärzte prognostiziert, wenn sie sich gegen eine Behandlung entscheiden würde.

Die sei für sie nicht infrage gekommen, so betont Stavroula Papalitsa. „Ich wäre für immer entstellt gewesen und damit konnte ich nicht leben.“ Sie ist eine attraktive Frau mit dunklen, welligen Haaren und weiblichen Kurven. „Seitdem ich weiß, dass ich schwer krank bin, habe ich ein paar Kilo zugenommen, weil ich andere Prioritäten habe“, sagt sie und lacht. Mit ihrer positiven Lebenseinstellung trotzt sie der medizinischen Prognose.

Sie lebt jetzt schon länger, als ihre Ärzte vermutetet hatten, aber ihr Leben hat sich auch gravierend verändert. Stavroula Papalitsa hat drei Modeboutiquen in Berlin mit eigener Marke geschlossen und musste 16 Mitarbeitern kündigen. „Das war sehr schmerzhaft für mich. Aber da mir niemand genau sagen konnte, wie viel Zeit mir noch bleibt, möchte ich die restlichen Stunden bewusst genießen und noch viele Ideen in meinem Kopf umsetzen“, sagt sie. Eine davon ist der Poesiealben-Kalender und dies gibt ihr viel Kraft. „Dieser Kalender ist für mich ein Herzensprojekt, mit dem ich meine Lebensfreude teilen möchte. Ich wollte etwas schaffen, das Menschen in ihrem Alltag begleitet.“

So sieht er aus, der Poesiealbum-Kalender von Stavroula Papalitsa.
So sieht er aus, der Poesiealbum-Kalender von Stavroula Papalitsa.Volkmar Otto

Der Hang zur Poesie entstand bei Stavroula Papalitsa bereits als Kind. Im Alter von sechs Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland und wuchs in der Nähe von Bonn auf einem Bauernhof auf, wo die Eltern einen Job fanden. Im Innenhof gab es dort eine Wand mit Lebensweisheiten, die sie oft mit Oma Maria und Opa Jakob zusammen las. Die Senioren aus der Bauernfamilie waren wie Ersatzgroßeltern für Stavroula Papalitsa, so erzählt sie. Auch ihre inzwischen verstorbene Mutter Stella liebte diese Poesiesprüche und hatte immer einen passenden parat. „Zu jedem Geburtstag schrieb mir meine Mama kleine Liebesreime in griechischer Schönschrift.“ Sie hat sie alle aufbewahrt.

Heute wären ihre Ziehgroßeltern wohl sehr stolz auf sie, wenn sie sehen könnten, dass sie ihre Kindheitserinnerungen in einem Kalender verwirklicht hat. Ihren beruflichen Werdegang hat sie auch ein Stück ihnen zu verdanken. „Sie haben es sehr gefördert, dass ich schnell die deutsche Sprache lerne.“

Die Vita von Stavroula Papalitsa ist vielseitig. Bevor sie ihre eigene Mode-Kollektion entwarf, absolvierte sie ein Designstudium in Florenz, wurde Ausbilderin im Einzelhandel bei der IHK, arbeitete zwischendurch auch als Journalistin für Print- und TV-Medien. Außerdem fördert sie ehrenamtlich Kinder mit Migrationshintergrund.

Sie hat eine Initiative für Poesieromantik gegründet

Seit ihrer Diagnose konzentriert sich Stavroula Papalitsa ausschließlich auf ihre Kunstprojekte, sie hat in Berlin die Initiative für Poesieromantik gegründet. Ihren Kalender kann man für 16,90 Euro bei poesieromantik.de online bestellen. Oder ganz analog in der Nicolaischen Buchhandlung in der Rheinstraße in Friedenau gekauft werden. 

Stavroula Papalitsa hofft, dass sich viele Menschen an ihrem Kalender erfreuen können. „Ihnen werden beim Blättern bestimmt viele Erinnerungen kommen.“ Sie wird sich immer an den kleinen Schutzengel von damals zurück erinnern. Den sie jetzt so dringend braucht.