Glaubensfragen in Berlin: Drei Politiker zu ihrer Religion

Berlin - In Deutschland darf jeder glauben, woran er möchte. Jeder hat die Freiheit, aus einer Religionsgemeinschaft auszutreten oder in eine andere überzuwechseln. So will es das Grundgesetz. Der Staat wiederum muss allen Glaubensrichtungen neutral und tolerant gegenüberstehen. Eine strikte Trennung von Staat und Religion aber besteht in Deutschland nicht. Und immer wieder beeinflusst die Religion auch politische Debatten.

Laut Statistischem Bundesamt leben in der Bundesrepublik rund 45 Millionen Christen und etwas weniger als 100.000 Juden. Hinzu kommen laut einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge etwa 4,7 Millionen Muslime. Außerdem gibt es etliche weitere Religionsgemeinschaften. Laut dem Datenhandbuch des Bundestages wiederum ist etwas weniger als die Hälfte der Abgeordneten christlich, weniger als ein Prozent sind Muslime. Allerdings führen diese Zahlen in die Irre: Nur 26 Bundestagsabgeordnete bezeichnen sich auf der Parlaments-Homepage als konfessionslos oder als Atheisten. Der Rest macht gar keine Angaben zur Religionszugehörigkeit. Der Grund dafür könnte sein, dass viele den Glauben als Privatsache betrachten. 

Über Glaubensfragen diskutieren

Omid Nouripour von der Grünen-Fraktion ist einer der wenigen muslimischen Bundestagsabgeordneten, die ihre Konfession für die Statistik offiziell angegeben haben. Auch für ihn ist sein Glaube privat. Aber gerade beim Thema Islam sei es „unvermeidlich, dass man irgendwann beim Politischen landet“, sagt er. Für ihn ist das ein Grund mehr, offen mit seiner Religion umzugehen – und viel über Glaubensfragen zu diskutieren.

Jüdische Abgeordnete sucht man im Bundestag hingegen vergeblich. Im Datenhandbuch taucht das Judentum nicht auf, und auch die Nachfrage bei den Fraktionen zeigt: Unter den Volksvertretern gibt es keine Juden oder Jüdinnen – zumindest keine, die ihren Glauben öffentlich machen. Den jüdischen Politiker Sergey Lagodinsky, der bei der Europawahl für die Grünen kandidiert, wundert das nicht. „Zum einen sind wir verhältnismäßig wenige.

Keine Millionen wie bei der muslimischen Glaubensgemeinschaft sondern rund 100.000. Und davon sind die allermeisten erst in den 90er-Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert.“ Für viele jüngere Juden ginge es erst einmal darum, sich zurechtzufinden, zu studieren, einen guten Job zu finden. „Aber oft fehlen auch Anschlussstellen in der Politik“ sagt Lagodinsky, der selbst 1993 nach Deutschland kam. „Es ist nicht so einfach, sich parteipolitisch zu engagieren, wenn man nicht schon über Jahre durch die Jugendorganisationen der Parteien Kontakte geknüpft hat.“

Omid Nouripour, Sprecher für Außenpolitik der Grünen-Fraktion im Bundestag

„Ob ein Bundestagsabgeordneter seine Religionszugehörigkeit angibt oder nicht, ist ihm selbst überlassen, die Gründe dafür gehen mich nichts an. Ich habe mich dazu entschlossen, weil mein Glaube eine Facette meiner Identität ist. Er macht aus mir keinen besseren Menschen, aber auch keinen schlechteren. Mein Glaube hat einerseits eine sehr private Dimension, die sich nur zwischen meinem Gott und mir abspielt. Die gibt mir Ruhe und Halt. Ob ich fünfmal am Tag bete oder einen Monat im Jahr bei Tageslicht nicht esse und trinke, das sind Erwartungen, die weder zwischen mir und meinem Gott stehen noch zwischen mir und dem öffentlichen Interesse.

Mir tut meine Religion gut. Trotzdem muss ich im Alltag ständig diskutieren: Wieso isst du Schweinefleisch? Wieso trinkst du Äppelwoi? Ja, wieso? Ich bin Hesse! Das Thema ist auf jeden Fall omnipräsent. Und es ist unvermeidlich, dass man irgendwann beim Politischen landet. Es gibt eine massive Zuschreibung der muslimischen Identität, die politisch ist. Da ist es aus meiner Sicht erst recht meine Pflicht zu sagen: ‚Leute, ich bin Muslim. Regt euch ab!‘ Als Bundestagsabgeordneter arbeite ich Tag und Nacht qua Berufsbeschreibung für die Umsetzung der Ziele des Grundgesetzes. Und ich bin Muslim. Ich habe kein Problem, das eine mit dem anderen zu vereinbaren. 

Ich halte es aber für dringend notwendig, über Glaubensfragen zu diskutieren. Ich würde mir auch wünschen, dass Leute, die sich Muslime nennen, mehr über den Islam wüssten. Ich gehe auch in Schulen, rede mit Schülerinnen und Schülern. Da passiert es schon mal, dass ein 17-Jähriger angebliche Koran-Stellen mit mir diskutieren will, die es aber nicht gibt. Wer keine gründlichen Kenntnisse über seine Religion hat, ist für Fundamentalismus anfälliger. Das ist schlecht.

Es gibt Leute, die sagen: Der Islam ist die Religion des Krieges. Wieder andere sagen: Der Islam ist die Religion des Friedens. Das ist beides nicht richtig. Islam ist – wie das Christentum – das, was die Gläubigen daraus machen. Werte und Moral sind auch nicht zwingend an Religion gekoppelt. Es ist gleichgültig, ob jemand dieser oder jener oder keiner Religion angehört, wenn er niemandem schadet und sich im Sinne des Allgemeinwohls einsetzt. Mein neunjähriger Sohn sagt zurzeit: „Ich bin Muslim“, – und freut sich jedes Jahr wie verrückt auf Weihnachten. Vielleicht will er ja in vier Wochen Buddhist werden. Er soll sich entscheiden, wenn er in einem entscheidungsfähigen Alter ist. Meine Frau ist evangelisch, aber wir feiern zu Hause auch die muslimischen Feste. Der Enthusiasmus meines Sohnes ist da allerdings nicht so groß wie bei Weihnachten – was sicher auch mit der Größe der Geschenke zusammenhängt.“

Barbara Hendricks, SPD-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Bundesumweltministerin

„Mein Glaube gibt mir eine Orientierung im Leben und in der Welt. Ich gehe auch in die Messe, aber nicht regelmäßig. Ich bin auf bestimmte ritualisierte Angebote der Kirche nicht mehr so angewiesen, wie ich das etwa als Kind war. Das sind Angebote, die man nach meinem Dafürhalten annehmen kann, aber nicht muss. Ich stimme auch nicht allen Dogmen der Kirche vorbehaltlos zu. Aber die Orientierung ist für mich ungebrochen wichtig. Seit acht Jahren bin ich Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, der Laienvertretung der katholischen Kirche. Dort setzen sich Christinnen und Christen mit gesellschaftspolitischen Fragen und ihrer Rückwirkung auf ihren Glauben und umgekehrt auseinander.

Diese Interdependenz finde ich wichtig. In meinem politischen Alltag spielt der Glaube auch immer wieder eine Rolle. Der Bundestag entscheidet ja in grundsätzlichen Fragen der Ethik – bei Themen wie Präimplantationsdiagnostik oder Sterbehilfe – nicht nach Fraktionszugehörigkeit. Es werden stattdessen Gruppenanträge vorbereitet, hinter denen man sich versammeln kann oder eben nicht. Die Debatten, die dann zu diesen Fragen geführt werden, sind normalerweise genährt durch den Hintergrund, den jeder Einzelne hat. Das kann auch ein humanistischer, atheistischer Ansatz sein.

Es gibt immer wieder Fälle, da muss man Kompromisse machen, was die Religion betrifft. Bei Entscheidungen, die mit Gesetzen zu tun haben, die Schwangerschaftsabbrüche betreffen, weiß ich zum Beispiel, dass meine Kirche das anders sieht als ich. Aber ich fälle meine politischen Entscheidungen nicht allein danach, was meine Kirche denkt. Andersherum müssen sich auch einige Kollegen etwa beim Umgang mit Flüchtlingen die Frage gefallen lassen, inwieweit das christliche Menschenbild bei ihren Entscheidungen trägt. Man kann nicht erwarten, dass Abgeordnete nahtlos die Forderungen der eigenen Kirche umsetzen. Aber ich finde schon, dass wir als Christen bei unseren Entscheidungen das christliche Menschenbild, das ja letztlich auch in Artikel 1 unseres Grundgesetzes enthalten ist, vor Augen haben sollten.“

Sergey Lagodinsky, Kandidat für die Europawahl (Bündnis 90/Die Grünen)

„Als in der Sowjetunion aufgewachsener Jude hatte ich in meiner Jugend wenig Bezug zum religiösen Aspekt des Judentums. Die Ausübung der Religion wurde nicht gern gesehen. Trotzdem war für uns klar, dass wir Juden sind. Meine Familie war stolz auf unser Judentum im Sinne einer kulturellen Identität. Ich kenne mich mit der Religion und ihren Ritualen gut aus, ich gehe gern in die Synagoge, aber das ist für mich eine Alltagsoption, nicht immer ein Bedürfnis. Ich habe lange in den USA gelebt und dort studiert.

Das Selbstverständnis der amerikanischen Juden, von denen viele ein säkulares, selbstbewusstes Judentum leben, war für mich prägend. Auch in Berlin bewege ich mich in säkularen jüdischen Kreisen. Im Rahmen meiner Mitgliedschaft in der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist mir die Vermittlung der kulturellen, identitätsstiftenden Facette des Judentums besonders wichtig.

Es gibt gerade auch bei Nicht-Juden viele Missverständnisse, was das Judentum als Gemeinschaft angeht. Da herrscht von außen schon mal die Ansicht, Juden wären wie Christen – nur ohne Kreuz. Dabei sind die Juden eben auch eine Volksgemeinschaft, es gibt immer eine kulturelle Komponente. Aber auch unter Juden gibt es Unterschiede im Selbstverständnis. Juden aus Israel würden sich selbst vielleicht gar nicht in erster Linie als Juden bezeichnen, sondern als Israelis.

Besonders für Juden in der Diaspora bedeutet das Jüdischsein aber ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Kollektiv. Mich reizt es, diese Art der Auseinandersetzung mit dem Judentum in die Politik hineinzutragen und damit in die deutsche Gesellschaft. Juden werden hierzulande oft nur als Opfer im Kontext des Holocaust gesehen. Wir müssen uns aber die Frage stellen, wie wir die Demokratie als Antwort auf diesen schrecklichen Abschnitt der Geschichte gestalten wollen. Dafür braucht die jüdische Identität größere Sichtbarkeit. Viel zu oft werden diese Debatten aber ohne Beteiligung von Juden geführt – so wie die Migrationsdebatte oft ohne die Mitwirkung von Migranten geführt wird.“