Regelmäßig erhalte ich Post von ostdeutschen Männern, die sich beschweren, dass ihre Erfahrungen nicht ausreichend gesehen würden. Dabei würden sie auch mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kämpfen, fühlten sich auch zuständig für die Hausarbeit, müssten sich auch dumme Sprüche anhören.

Sind ostdeutsche Männer womöglich die besseren, gleichberechtigten Väter und Partner? Oder ist das auch nur ein Klischee, wie die vielen anderen, die über ostdeutsche Männer kursieren?

Junge Väter in Ostdeutschland nehmen häufiger und länger Elternzeit

Ich fragte die ostdeutschen Männer, die ich kenne, ob sie sich als Superdaddys fühlen. Der eine starrte auf den Boden, der nächste schwieg, der Dritte sagte: „Hm.“ Es war wahrscheinlich die falsche Frage. Oder Ostmänner reden nicht gern über sich.

Wir stehen auf einem Spielplatz, es ist Mittwochnachmittag. Ich weiß, dass die Männer ihre Kinder nicht nur einmal die Woche von der Kita abholen. Einer ist aus dem Schichtdienst ausgestiegen, um sich regelmäßig um die kleine Tochter zu kümmern. Das ist doch schon mal ein Anfang.

Wenn man sich die Zahlen ansieht, spricht wirklich viel dafür, dass man sich einen Mann suchen sollte, der in der DDR sozialisiert wurde, wenn man eine gleichberechtigte Partnerschaft will. Aus den Statistiken ist bekannt, dass junge Väter in Ostdeutschland häufiger und länger Elternzeit nehmen, Spitzenreiter ist die Unistadt Jena. Knapp sechzig Prozent der Väter beanspruchen dort Elternzeit, fast doppelt so häufig wie im Bundesschnitt.

Wer daran gewöhnt ist, dass die Mutter zur Arbeit geht, will später vielleicht auch eher eine gleichberechtigte Beziehung

Man weiß, dass die Männer an der Spitze der DDR keine Feministen waren, sie holten die Frauen in die Betriebe und bauten Kitas aus, weil sie Arbeitskräfte brauchten. Den Haushalt schmissen die Mütter in der zweiten Schicht. Aber immerhin gab es frühzeitig ein Problembewusstsein für die Ungleichheit.

In einem Kommuniqué von 1961 wurde dafür geworben, dass Männer ihre Verantwortung als Väter wahrnehmen sollen. Anfang der 70er-Jahre kam eine Komödie in die Kinos, in der Winfried Glatzeder einen attraktiven Hausmann spielte. „Der Mann, der nach der Oma kam“ hieß der Film, den fast jeder kennt, der in der DDR aufgewachsen ist.

Die Berufstätigkeit der Mütter in der DDR veränderte im Laufe der Jahrzehnte die Männer, beziehungsweise die Söhne. Wer daran gewöhnt ist, dass die Mutter früh zur Arbeit geht, wer früh selbst mitanpacken muss will später vielleicht auch eher eine gleichberechtigte Beziehung. Was als cool, als männlich galt, veränderte sich. „In den achtziger Jahren galten Männer zunehmend als schlechte Partner, die Probleme mit gleichberechtigten Frauen hatten oder sich weigerten, im Haushalt zu helfen“, schreibt die Publizistin Anna Kaminsky.

Spielplatz statt Konzernvorstand

Auf einen weiteren Unterschied im Geschlechterverhältnis zwischen Ost und West wies der Sexualforscher Kurt Starke hin: Kategorien wie Besitz, Stand, Herkunft spielten im Osten weniger eine Rolle. Den Prototyp des reichen Mannes, den man sich sucht, um ihm Kinder und ein Heim zu schenken, gab es nicht.

Bis heute ist es so, dass es im Osten wesentlich häufiger vorkommt, dass Frauen mehr als Männer verdienen. Geld spielt eine geringere Rolle, weil weniger da ist. „Viele junge Männer wählen lieber Freiheit statt Festanstellungskarriere“, schreibt der Leipziger Journalist Christian Fuchs. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es kaum ostdeutsche Männer in den Konzernvorständen gibt – dafür aber mehr auf den Spielplätzen.