Berlin - In ihrem Heimatland sind sie einer neuen Welle der Homophobie ausgesetzt – dagegen wehren sich Russen nun auch von Berlin aus. Die Organisation Quarteera e.V. setzt sich aus russischsprachigen Schwulen und Lesben zusammen, die in Berlin gegen die Vorurteile kämpfen, die ihnen in Russland aber auch in Deutschland immer wieder begegnen. Denn noch immer ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sich homosexuelle Menschen aus Russland einfach outen.

Die Idee der Organisation steckt schon in ihrem Namen – "Quarteera" besteht aus zwei Worten, nämlich queer und art. Es geht also um Homosexualität und Kreativität. Mit Letzterer wollen die Mitglieder von Quarteera auf die Missstände für Schwule und Lesben in Russland hinweisen und Dinge verändern.

Angefangen hat alles 2009 bei einem sogenannten Rainbow-Flashmob: Russische Blogger aus Deutschland haben sich via Internet zusammengefunden, um am Internationalen Tag gegen Homophobie am 17. Mai Tausende bunte Luftballons in den Himmel steigen zu lassen. An jedem Luftballon hing ein Zettel, auf dem Wünsche nach mehr Toleranz, Akzeptanz und Gleichberechtigung notiert waren.

Bei dieser Aktion haben sich die ersten Mitglieder von Quarteera kennengelernt und den Verein spontan ins Leben gerufen. Mittlerweile ist der Rainbow-Flashmob zur jährlichen Tradition geworden und findet sogar in einigen russischen Städten statt. Die Aktion ist eine für Quarteera ganz typische – Politik soll mit kreativen und humorvollen Mitteln in Szene gesetzt werden. Im vergangenen Jahr bastelten die Aktivisten zum CSD eine Regenbogen-Pipeline. "Unsere Rechte sind wertvoller als Gas" stand in drei Sprachen darauf.

Nurejew auf Plakaten

Doch Quarteera protestiert nicht nur in Deutschland für die Rechte von Schwulen und Lesben, sondern auch in Russland, wo dies wesentlich gefährlicher ist als in Berlin. Zum diesjährigen Internationalen Tag gegen Homophobie protestierten die Mitglieder in St. Petersburg.

"Wenn uns das Gesetz nicht schützt, dann vielleicht die Autorität und die Stimmen unserer Großen", erklärt der Initiator und kreative Motor des Vereins, Wanja Kilber, die Idee. Auf mannshohen Plakaten waren die Konterfeis des Komponisten Peter Tschaikowski, der Dichterin Marina Zwetajewa und des Tänzers Rudolf Nurejew zu sehen. Die Porträts waren mit Zitaten versehen, in denen die Künstler über ihre eigene Homosexualität sprechen.

Was in Deutschland problemlos wäre, kann in Russland neuerdings zu Gefängnisstrafen führen. Nach einem neuen Gesetz ist es in St. Petersburg verboten, für Homosexualität "Propaganda" zu machen. Die Werbefirma, die die Plakate aufhängen sollte, sagte im letzten Moment ab, aus Angst vor Repressalien. "Sie haben unseren Künstlern den Mund verboten", sagt Wanja Kilber.

In Berlin sorgten Quarteera im vergangenen Februar für Furore, als sie einen riesigen Pappmaché-Putin durch die Stadt laufen ließen. Der Papp-Putin trug ein Schild, auf dem stand: "Ab 5. Mai suche ich einen neuen Job."

Für die russische Community gab es bislang keine Gruppe, kein Sprachrohr für die Belange von Schwulen und Lesben in Berlin. Ist die Hauptstadt nicht tolerant genug? Oder vielleicht so weltoffen, dass sie keine Gruppe wie Quarteera braucht? "Nein", sagt Zlara Bossina aus dem Vereinsvorstand.

"Jeder von uns ist auf doppelte Weise Diskriminierungen ausgesetzt. Wir sind erstens Fremde in einem fremden Land, auch wenn wir gut integriert sind. Und zweitens ist jeder russische Schwule, jede russische Lesbe in Deutschland ein schwarzes Schaf für die eigenen Landsleute." Aufklärung halten die Aktivisten von Quarteera daher für ihre wichtigste Aufgabe.

Im vergangenen Winter haben Kilber und Bossina einen Workshop für russische Jugendliche im Rahmen einer internationalen Jugendkonferenz in Dresden veranstaltet. Zuerst wurden Grundbegriffe wie "Genderrollen", "sexuelles Verhalten" und "biologisches Geschlecht" eingängig erklärt.

"Er ist eine Lesbe"

Was hierzulande mittlerweile ins Selbstverständnis der Menschen einsickert, ist in Russland ein weißer Fleck auf der Karte der Aufklärung – Homophobie ist in Russland weit verbreitet, viele Menschen haben jedoch keine Ahnung von Homosexualität, sie wissen nicht, wen sie hassen und warum. Die Seminar-Teilnehmer wurden zum Beispiel gefragt: "Wenn ein Mensch biologisch weiblich geboren ist, sich aber als Mann fühlt, was ist der Mensch dann?". Und die absurde Antwort kam sofort: "Er ist eine Lesbe." Aufklärung tut also nicht nur in Russland not, sondern auch in Deutschland.

Und obwohl alle Aktivisten von Quarteera ehrenamtlich arbeiten und der Verein keine finanzielle Unterstützung erfährt, haben sie Pläne für die Zukunft, die mehr als arbeitsintensiv sind. Der allerwichtigste ist, eine Beratungsstelle für die russischsprachigen Schwulen und Lesben in Berlin zu eröffnen. Aber erst einmal kommt der CSD.

Infos und Kontakt unter: https://sites.google.com/ site/quarteera/