Berlin - Berliner Bezirke entdecken die geschlechtsneutrale Sprache. In Mitte und Lichtenberg werden künftig alle Dokumente eine gegenderte Sprache enthalten, also alle Geschlechter berücksichtigen müssen. Das werden die Bezirksparlamente aller Voraussicht nach bereits im März beschließen . „Anderslautende Drucksachen können dann nicht mehr behandelt werden“, sagte Julie Rothe, SPD-Fraktionsvize in Mitte. Denn wer nur männliche Wörter verwende, grenze große Teile der Bevölkerung aus.

Rothe spricht sich dafür aus, künftig das Gender-Sternchen zu verwenden. Bürger*innen oder Einwohner*innen würde dann in den amtlichen Dokumenten stehen. „Ich wünsche mir, dass wir das einheitlich für Berlin festlegen“, sagte Rothe. In Lichtenberg soll ein ganz ähnlicher Antrag verabschiedet werden. „Die Berücksichtigung der Geschlechter sollte zur Normalität gehören“, sagt der dortige SPD-Fraktionschef Kevin Hönicke. Die genaue Gender-Form werde aber  in Lichtenberg nicht festgelegt.

Außerhalb der orthographischen Norm

Vorturner war wieder einmal Friedrichshain-Kreuzberg. Dort müssen die Dokumente bereits seit 2014 in geschlechtsneutraler Sprache abgefasst sein, seit längerer Zeit geschieht das mit Gender-Sternchen.  Allerdings ohne die CDU. „Durch das ganze Sternchengegendere sind die Anträge der anderen Fraktionen noch schwerer lesbar“, kritisiert Fraktionsvize Götz Müller. Als die CDU-Fraktion sich weigerte, das Gender-Sternchen  zu verwenden, wollte das Büro der Bezirksverordnetenversammlung  zunächst alle eingereichten Dokumente mit einem Sternchen nachkorrigieren. Die CDU-Leute machten dann darauf aufmerksam, dass aktuelle Rechtschreibregeln keine solches Sternchen  vorsehen. Seitdem lässt man die CDU gewähren.

Allerdings beschäftigt das Gender-Sternchen nun auch den Rat für deutsche Rechtschreibung. Das Gremium wacht über die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum  – von Flensburg bis Südtirol. „Wir haben da noch keine  klare Linie“, sagt  Kerstin Güthert, die Geschäftsführerin des Rats auf Anfrage. Es gebe ja derzeit verschiedene Formen zu gendern – das Sternchen, den Gender-Gap oder das Binnen-I. „Am Ende wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach eine Form durchsetzen.“ In einem ersten Bericht hat der Rat bereits festgestellt, dass  Erfindungen wie das Gender-Sternchen außerhalb der orthographischen Norm  liegen und von daher nicht „falsch“ zu  nennen seien. Klingt noch recht vage.

Auch im Koalitionsvertrag

Bereits im rot-rot-grünen  Koalitionsvertrag   hatte der neue Senat durchgängig das Gender-Sternchen gebraucht.  Nicht wenige Politiker haben inzwischen bereits begonnen,  mit einer Kunstpause in der Wortmitte das Gender-Sternchen gewissermaßen auch in mündlicher Rede zu verwenden. Spötter sprechen deshalb vom „Gender-Bäuerchen“.

Nicht alle Bezirke werden beim Gender-Sternchen mitmachen. AfD und CDU  sind dagegen. „Eine  solche Schreibweise bedeutet Mehrarbeit bei der Erstellung von Texten und minimiert gleichzeitig deren Verständlichkeit“, sagt der Reinickendorfer CDU-Bezirksverordnete Hinrich Lühmann. Die deutsche Sprache halte auch andere Möglichkeiten bereit. Das Sternchen bleibt ein Reizthema.