Früher fühlte Sylke Winter sich als weibliche Führungskraft häufig als Alien, sagt sie. „Doch das Gefühl wird weniger.“ Die Ingenieurin ist Geschäftsführerin von Berlin Transport, einer Tochter der BVG mit mehr als 1900 Mitarbeitern. 

Vorurteile und „doppelte Kommunikation“ 

Winter arbeitet seit 1993 in Unternehmen aus Männerdomänen. Wenn es um das Thema Frauen geht, gebe es eine „doppelte Kommunikation“. „Auf der einen Seite heißt es: ,Natürlich akzeptieren wir, dass eine Frau führt.’ Auf der anderen wird gesagt: ,Für sie ist das ein Home Run’“, berichtet Winter.

Home Run meint: Aufgrund der Frauenförderung hatte es die Managerin leicht, auf den Posten zu kommen. „So etwas wird aber nur hinter vorgehaltener Hand gesagt“, sagt sie und zeigt Toleranz für das männliche Vorurteil. „Die Veränderungen brauchen Zeit“, sagt sie. 

Winter ist eine der Berliner Top-Managerinnen in öffentlichen Unternehmen. Sigrid Nikutta, Chefin der BVG, ist eine weitere, auch der Klinikkonzern Vivantes und die Berliner Wasserbetriebe werden von Frauen geführt. Die Zahlen zeigen, dass Frauen in der Berliner Wirtschaft präsenter sind als im Rest der Republik. 

„Stadt der Frauen“

Besonders im öffentlichen Sektor, dem größten Arbeitgeber der Stadt, sind sie gut vertreten – auch auf höchster Ebene: Der Anteil an Frauen auf erster Führungsebene in öffentlichen Unternehmen beträgt fast 40 Prozent, in Aufsichtsgremien öffentlicher Unternehmen sogar 51 Prozent. Zum Vergleich: Insgesamt liegt der Anteil in der Berliner Wirtschaft bei 29 Prozent (26 Prozent bundesweit).

Gleichstellungssenatorin Dilek Kolat geht deshalb so weit, von der „Stadt der Frauen“ zu sprechen. Sie hat die Kampagne „Charta Gleichstellung gewinnt“ gemeinsam mit IHK und Handwerkskammer gegründet, die eine neue Unternehmenskultur in Berlin etablieren will.

Zentrale Themen sind: flexible und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle und gleiche Bezahlung für Männer und Frauen. „Ein großes Thema ist auch Führung in Teilzeit. Einige Firmen sagen, das geht nicht. Doch Berliner Betriebe zeigen, wie es in der Praxis funktioniert, dass zwei Personen sich eine Position teilen“, sagt Kolat. 13 Unterzeichner hat sie bereits gewonnen. Die Unterschrift beinhalte eine Selbstverpflichtung, Gleichstellung im Unternehmen zu realisieren.

Zugang zu Kapital schwerer

Kolats Bemühungen werden aufmerksam verfolgt. „In Berlin hat es die Politik beispielhaft geschafft, Frauen in die erste Reihe zu befördern“, sagt Claudia Große-Leege vom Verband deutscher Unternehmerinnen. Auch bei den Gründungen seien die Frauen aktiv: Rund 30 Prozent der neuen Unternehmen wurden 2017 in Berlin von Frauen ins Leben gerufen. „Außer bei Start-ups in der Berliner Digitalwirtschaft – da sind es nur 18 Prozent“, sagt Große-Leege.

Das liege auch daran, dass der Zugang zu Kapital für sie schwerer sei. Eine internationale Studie habe gezeigt, dass ein Mann, der den gleichen Businessplan wie eine Frau vorlegt, leichter Investoren finde.
Die Situation in Start-ups ist für Monika Schulz-Strelow, Präsidentin der Initiative „Frauen in die Aufsichtsräte“ (FidAR) symptomatisch. Sie fordert deswegen auch von den Männern in Politik und Wirtschaft ein klares Bekenntnis. „Die Männer sollten aufstehen und sagen: ,Ohne qualifizierte Frauen können wir unsere Unternehmen nicht nach vorne bringen.’“