Berlin - In den meisten deutschen Amtsstuben ist es ganz einfach. Es gibt Männer. Es gibt Frauen. Fertig. Und in den Schreiben vom Amt ist von Damen und Herren die Rede.

Doch in der Berliner Verwaltung gibt es einen Fachbereich, wo es etwas anders läuft. Der kümmert sich um „gleichgeschlechtliche Lebensweisen“ und gehört zur Landesstelle für Gleichbehandlung der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Wenn die drei freundlichen Fachleute ihre Infobriefe verschicken, heißt es: „Sehr geehrte Interessierte“.

„Es geht um Genauigkeit und letztlich auch um Höflichkeit“, sagt Cosmo Martin Dittmar-Dahnke, der gemeinsam mit Lela Lähnemann und Florencio Chicote im Fachbereich arbeitet. „Wir wenden uns mit dem Infobrief an homosexuelle Frauen und Männer, aber auch an trans- und intergeschlechtliche Menschen. Die Debatte läuft heute so: Wir können nicht davon ausgehen, dass es nur Männer und Frauen gibt. Jede interessierte Person soll sich angesprochen fühlen können.“ Dittmar-Dahnke und seinen Kollegen nutzen Begriffe, die einschließen, nicht ausschließen. Dazu gehören auch Wörter wie „Queer“, „Transgender“ oder „Trans*“, die auf Aktivistenkreise und Selbsthilfegruppen zurückgehen.

Bei aller Sprachsensibilität hat der Fachbereich Gleichgeschlechtliche Lebensweisen, der seine Wurzeln in der Homo-Bewegung der 70er- und 80er-Jahre hat und 1989, in der Zeit des rot-grünen Momper-Senats, etabliert wurde, jedoch handfesten Fortschritt im Sinn. Es geht um juristische Gleichstellung, die Beratung der Verwaltung und Politik, die Unterstützung von Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, den Kampf gegen Vorurteile, Mobbing und Belästigung. Seit 2006 hat Berlin das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, welches Benachteiligungen aufgrund der sexuellen Identität untersagt, etwa am Arbeitsplatz und beim Zugang zu Waren und Dienstleistungen.

Initiativen im Bundesrat

Die drei vom Fachbereich weisen darauf hin, dass von Berlin, der Homo-Hauptstadt des Landes, immer wieder wichtige Anstöße ausgehen: So startete Berlin 2010 eine Bundesratsinitiative zur Öffnung der Ehe für Menschen gleichen Geschlechts, die allerdings in der Länderkammer keine Mehrheit fand.

Für das laufende Jahr hat sich der Fachbereich einiges vorgenommen: „Ganz oben steht für uns das Thema der Rehabilitierung und Entschädigung der schwulen Männer, die nach 1945 aufgrund des Paragrafen 175 in beiden deutschen Staaten strafrechtlich verfolgt worden sind“, sagt Lela Lähnemann. Hierzu kündigte der Senat am Mittwoch eine Bundesratsinitiative des Landes Berlin an. Der Fachbereich erstellte zu dem Thema eine juristische Expertise und eine Dokumentation. In den 1950er und 1960er Jahren waren in der Bundesrepublik Deutschland rund 50 000 schwule Männer nach dem Paragrafen 175 wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen verurteilt worden.

In diesem oder im nächsten Jahr dürfte die Expertise des Fachbereichs auch wegen der Reform oder Abschaffung des Transsexuellengesetzes gefragt sein. „Denn das Gesetz wurde ja Anfang 2011 vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt, sagt Lähnemann. „Laut dem Gericht soll sich eine Frau oder ein Mann künftig nicht mehr die Geschlechtsteile entfernen oder umformen lassen müssen, um die personenstandsrechtliche Anerkennung im empfundenen Geschlecht zu erhalten.“

Pilotprojekte für schwule Senioren

Ihr Kollege Florencio Chicote weist zudem auf eine neue Studie des Fachbereichs hin, die in diesem Jahr veröffentlicht werden soll. „Es geht dabei darum, herauszufinden, welche Vorstellungen Lesben und Schwulen davon haben, wie die anderen über sie denken“, sagt Chicote. Und Cosmo M. Dittmar-Dahnke ergänzt: „Auch innerhalb der queeren Community existieren Vorurteile und Ablehnung aufgrund unterschiedlicher Lebensstile, ethnischer Herkunft, sozialem Status oder auch hinsichtlich des Lebensalters. Hier hat die Szene selbst – so wie die Mehrheitsgesellschaft eben auch – sicherlich Entwicklungsbedarf.“

Auch die Demografie ist ein Thema für den Fachbereich. „Die älteren Lesben, Schwulen und Transmenschen sollten mehr in den Fokus kommen“, sagt Dittmar-Dahnke. Hier sei die Sensibilisierung und Aufklärung in Pflege- und Wohneinrichtungen wichtig. Zukunftsweisend, so Dittmar-Dahnke, sei der „Lebensort Vielfalt“, der in diesem Sommer in Charlottenburg eröffnet werden soll – ein vom Senat gefördertes Wohnprojekt zur Verbesserung der Versorgung schwuler Senioren. Doch die wollen in dem Mehrgenerationenhaus nicht unter sich bleiben: 60 Prozent der Bewohner sollen schwule Männer über 55 Jahre sein, die restlichen 40 Prozent setzen sich aus jüngeren Schwulen, Lesben, hetero- oder homosexuellen Singles, Paaren oder Familien mit Kindern zusammen.

Der „Lebensort Vielfalt“ ist ein Pilotprojekt, wie es einst auch der Fachbereich „gleichgeschlechtliche Lebensweisen“ war. Mit gewissem Stolz sprechen Lähnemann, Chicote und Dittmar-Dahnke von einem „Meilenstein“.