Berlin - Es war eine Reise in den Tod. Zwischen Herbst 1941 und Anfang 1945 wurden allein aus Berlin mehr als 56.000 Juden in die Ghettos und Konzentrationslager im Osten verschleppt. Die Stadt sollte „judenfrei“ werden, wie Gauleiter und NS-Propagandachef Joseph Goebbels es ausdrückte.

Seit 1998 erinnert das Mahnmal „Gleis 17“ am Bahnhof Grunewald an die systematische Deportation. Von hier ging am 18. Oktober 1941 der erste „Osttransport“ ab, der mehr als tausend jüdische Männer, Frauen und Kinder nach Lodz, ins Ghetto „Litzmannstadt“, brachte.

Aus Anlass des 75. Jahrestags soll am kommenden Mittwoch eine Gedenkveranstaltung an das Nazi-Unrecht erinnern. „Alle meine Freunde, meine Klassenkameraden sind deportiert worden. 61 Mitglieder meiner Familie wurden ermordet“, sagt Horst Selbiger, 88 Jahre alt. Er wird die Gedenkrede halten, als Mitglied des Vereins Child Survivors Deutschland informiert er bis heute in Vorträgen über die Geschehnisse.

Selbiger erinnert sich, wie damals immer mehr Kinder aus seiner jüdischen Schule verschwanden. Er konnte nur deshalb in Berlin bleiben, weil seine Mutter als „Arierin“ galt. Mit 14 wurde er zur Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb verpflichtet. Den Menschen, die vor 75 Jahren zu dem ersten Transport gehörten, wurde in „Litzmannstadt“ ein Leben in Glück und Gastfreundschaft versprochen.

Tatsächlich seien sie in einer verwahrlosten Ödnis gelandet, sagt Selbiger und zitiert den Tagebuchschreiber Oskar Singer: „Wird je ein Mensch der Nachwelt sagen können, wie wir hier gelebt und gelitten haben, wie wir gehungert, und wie wir gestorben sind?“ Auf den ersten Transport folgten 183 weitere, oft nur wenige Tage hintereinander. Anfangs brachten die Züge die Deportierten in Ghettos, bald jedoch fast ausschließlich in die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz.

Güterbahnhof Moabit und Anhalter Bahnhof

Neben dem Bahnhof im Nobelviertel Grunewald waren später auch der Güterbahnhof Moabit und der Anhalter Bahnhof Abfahrtstellen, wie aus der von den Mahnmal-Architekten herausgegebenen Dokumentation „Gleis 17“ hervorgeht. Die Bahn stellte den jüdischen Gemeinden die „Beförderung“ in Rechnung – pro gefahrenen Kilometer vier Pfennige für Erwachsene und zwei Pfennige für Kinder.

Nach dem Krieg dauerte es Jahrzehnte, ehe die Rolle der Deutschen Reichsbahn im Holocaust in den Blickpunkt rückte. Erst eine Initiative des damaligen Bahnchefs Heinz Dürr mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, führte 1998 zur Eröffnung des Denkmals. Die Bahn stellte die Mittel zur Verfügung.

Jeder Transport ist dokumentiert

Die Architekten Nikolaus Hirsch, Wolfgang Lorch und Andrea Wandel verlegten dafür auf einer Länge von mehr 132 Metern beidseits des Gleises gusseiserne Platten. An den so entstandenen „Bahnsteigkanten“ ist jeder einzelne Transport mit Datum, der Anzahl der Deportierten und dem Zielort dokumentiert. Der Besucher kann sich so beim Rundgang um das Gleis die Dimension des Verbrechens selbst erschließen.

Längst wächst Unkraut im Schotterbett, dürre Bäumchen haben sich dort einen Lebensplatz gesucht. Die Vegetation sei Bestandteil des Mahnmals, heißt es bei der Bahn. „Sie steht symbolhaft dafür, dass von diesem Gleis nie wieder ein Zug abfahren wird.“ (dpa)