Die innerstädtische Fortbewegung mit dem Fahrrad bringt nicht nur äußere Konflikte mit sich. Hier die rüpeligen Rempelradler, die sich auf zu schmalen Radwegen an einem vorbeidrücken. Da die schleichenden Helmschnecken, die im Doppelpack mit Quasselstrippen eben jene Radwege blockieren. Auch auf höherer, nämlich moralischer Ebene wird miteinander gefochten, etwa über die Frage, ob man eine leere Kreuzung bei roter Ampel überfahren soll oder nicht. Es stehen sich Regelfetischisten und Staatsskeptiker gegenüber, wobei sich die Antwort noch einmal verschiebt, wenn Kinder in der Nähe sind.

Durch den Görlitzer Park am 2. Mai

Selbstverständlich potenzieren sich die Konfliktmöglichkeiten, wenn man die Anwender anderer Fortbewegungsarten mit in die Betrachtung einbezieht. Zumal da noch kategorischere Klischees eine Rolle spielen und der Gedanke gar nicht erst aufkommt, dass es sich bei dem Gegner in den meisten Fällen um einen Menschen handelt. Ein Mensch, der gar nichts Böses im Schilde führt, wenn er morgens ins Auto steigt oder sich zu Fuß ins Haifischbecken begibt.

Ulrich Seidler
Flaschen im Görlitzer Park

Was kaum thematisiert wird, sind die inneren Konflikte, die ein sensibler Radfahrer wie der hier schreibende mit sich selbst auszutragen hat. Besonders an diesem 2. Mai, wenn er – auch, um den Autoverkehr von sich zu verschonen – seinen Weg durch den Görlitzer Park wählt. Nicht bedacht hat er, dass eben dort in der Nacht zuvor die laut Polizeiangaben friedlichste Kreuzberger Mainacht seit Jahrzehnten stattgefunden hat. Und in der Tat: 90 Prozent der ausgetrunkenen Flaschen wurden unversehrt zurückgelassen, nicht wenige sogar ordentlich abgestellt. Viele Flaschen haben Gruppen in der Nähe von Papierkörben gebildet und scheinen leise Gespräche zu führen, manche strecken sich zwischen staubigen Grasbüscheln aus, es gibt sogar Flaschenpaare, die irgendwie verliebt scheinen. Es bleibt natürlich immer noch eine beachtliche Menge an Glasbruch.

Die über den Wegen verteilten Scherben machen sich mit einem Knirschen unter den Reifen bemerkbar, das allein schon Gänsehaut und schlechte Laune verursacht. Dass zugleich die Kirschblüte in den letzten Zügen liegt und die vielen Bäume ihre weißen und pinken Blütenblätter im Geviert verstreuen, führt dann aber zu einer herzzerfasernden Fehlwahrnehmung. Der Radler synchronisiert das Glasknirschen falsch und ordnet es den Kirschblüten zu, denen er der Menge wegen ebenfalls nicht ausweichen kann. Die Vorstellung, dass man die augenlidzarten Frühlingskünder mit dem eigenen Gewicht zersplittert, legt einem die Seele gleich mit in Scherben. Wer Kirschblüten liebt, sollte sein Fahrrad vielleicht lieber tragen. Oder sich den Weg freipusten. Oder langsam hinter einer der Straßenkehrmaschinen herfahren. Ein meditatives Stadtvergnügen, das auch die Pannengefahr deutlich mindert.