Berlin - Moro Yapha sitzt auf einer Bank im Görlitzer Park, die Kopfhörer im Ohr. Der Sprach- und Kulturmittler hat ein Zoom-Meeting, sein Kollege kocht im Wohnmobil Tee für einen Klienten. Das Kontakt- und Beratungsmobil am Eingang des Görlitzer Parks, direkt neben dem Hundeauslaufplatz, ist ein soziales Projekt des Vereins Fixpunkt. Einwanderer aus Afrika, vornehmlich der subsaharischen Gebiete, erhalten hier medizinische und juristische Hilfe und Beratung. Moro Yapha kommt selbst aus Gambia, er hat deshalb einen besonderen Zugang zur Zielgruppe. Der Sozialarbeiter Ralf Köhnlein leitet das Projekt. Im Interview erzählen die beiden, wie sie mit ihrer Arbeit die Grundrechte von marginalisierten Gruppen unterstützen.

Berliner Zeitung: Herr Yapha, wie sind Sie zu Fixpunkt gekommen?

Moro Yapha: Ich kam zu dem Projekt, als ich illegal war und einen Arzt brauchte. Ein Freund hat mir erzählt, dass ich hier auch ohne Papiere Hilfe bekomme. Vorher war ich oft im Görlitzer Park, um mit den Jungs abzuhängen. Ich kenne die Leute aus der Heimat, von der Reise oder dem Asylverfahren. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu den früheren Kollegen von Fixpunkt. Als der damalige Volunteer in Gambia Urlaub gemacht hat, durfte ich für ihn einspringen. Danach boten sie mir einen Arbeitsvertrag an. Zur gleichen Zeit änderte sich mein Aufenthaltsstatus, das war 2017.

Ralf Köhnlein: Wir haben fast ausschließlich Kolleg:innen mit afrikanischen Wurzeln im Team, denn wir fahren einen Community-Ansatz. Neben Moro gibt es einen weiteren Sprach- und Kulturmittler aus Gambia, einen Sprach- und Kulturmittler aus dem Sudan, einen Arzt aus dem Sudan, eine Gesundheitspädagogin aus Kenia und einen Anwalt, der einmal wöchentlich kommt. 2015 hat Fixpunkt im Kleinen Tiergarten vor dem Lageso begonnen, mit Geflüchteten zu arbeiten, und die Sprach- und Kulturmittlung in die interdisziplinären Teams mit reingenommen. 2016 haben wir diese Idee dann mit in den Görlitzer Park genommen.

Was ist das Ziel des Projekts?

Ralf Köhnlein: Wir haben den Auftrag, im Land Berlin Prävention bezüglich HIV, Hepatitis und sexuell übertragbaren Infektionen zu betreiben. Jetzt kam natürlich noch Covid dazu. Das bedeutet Aufklärung, Tests und Begleitungen zum Arzt. Auch zu Anwälten oder Behörden begleiten wir die Geflüchteten, die sprachlichen und kulturellen Barrieren sind hoch. Es geht nicht um den Görlitzer Park, sondern um die Menschen aus Afrika, die einen bestimmten Hilfebedarf haben. Verlagert sich der Schwerpunkt, gehen wir mit dem Mobil mit. Sprach- und Kulturmittlung geht in beide Richtungen, wir lernen voneinander. Unsere Fähigkeiten im Team ergänzen sich. Ich lerne jeden Tag etwas, von meinen Kolleg:innen und von der Zielgruppe. Es ist uns nicht wichtig, was die Person im Park macht und was die Beweggründe dafür sind. Wir arbeiten mit einem akzeptierenden Ansatz.

Ist es nicht auch Ihr Ziel, die Leute vom Drogenverkauf loszueisen?

Ralf Köhnlein: Wir würden uns wünschen, dass sich die Asylpolitik ändert, damit die Menschen eine echte Perspektive haben. Solange das nicht gegeben ist, ist so eine Zielformulierung unrealistisch. Es ist wichtig, dass die Leute Fähigkeiten entwickeln, eine Ausbildung machen können, und dass sie das nicht dürfen, ist natürlich ein Dilemma. Wir können nur auf einer vertrauensvollen Ebene und mit diesen Realitäten arbeiten. Die Unterstützung anbieten, die sie auch wollen.

Moro Yapha: Wir hören ihnen zu und geben ihnen das, was sie wirklich brauchen. Die Menschen da draußen sollten sie nicht verurteilen, ohne sie zu kennen. Wenn du etwas über sie wissen willst, geh in den Park und sprich mit ihnen! Sie sind sehr freundlich und offen.

Fixpunkt/Muhammed Lamin Jadama
Das Team von Fixpunkt nimmt die Hygienevorschriften sehr ernst. Eine mobile Handwaschstation und Desinfektionsmittel gehören zur Ausrüstung.

Was genau ist Ihre Aufgabe als Sprach- und Kulturmittler?

Moro Yapha: Übersetzen, das Bekanntmachen des Projekts, Navigation und Community-Arbeit. Unsere Rolle als Mediatoren ist sehr wichtig, vor allem wenn wir über marginalisierte Menschen ohne Papiere sprechen. Nicht nur wegen der Sprache, sondern weil wir ihr Vertrauen gewinnen können. In vielen Situationen würde es Komplikationen geben, wenn Muhammed (der zweite Kulturmittler aus Gambia, Anm. d. Red.) und ich nicht bei Fixpunkt arbeiten würden. Zum Beispiel ist es sehr schwer, sie zu überzeugen, sich Blut abnehmen zu lassen. Es gibt viele Tabus in unserer Community. Wir wissen, dass HIV und Hepatitis übertragen werden, aber wir sprechen nicht über die Gründe. Hier klären wir darüber auf. Und manchmal erzählen die Menschen mir von Problemen, die sie vor einem Arzt verheimlichen würden, deshalb ist es nicht nur eine Frage der Sprachbarriere. Wir organisieren auch Veranstaltungen, um die Menschen im Park zusammenzubringen, Sport- und Musikangebote.

Ralf Köhnlein: Die meisten Begleitungen betreffen das Gesundheitssystem, fast gleich viele die Rechtsberatung, wenige das Gericht oder die Wohnungslosenhilfe. Die Zielgruppen kommen aus Gambia, Senegal, Guinea-Bissau, Mali, Nigeria und Ghana. Corona hat die Lage verschlimmert, viele haben ihr Einkommen verloren oder sind obdachlos geworden. Es geht auch um ganz alltägliche Probleme und Fragen: Wo kann ich Hygiene betreiben, wo bekomme ich Essen oder Kleidung? Und natürlich möchten viele Menschen einen Job finden, das ist aber relativ kompliziert. Dass jemand eine gut bezahlte Arbeit oder eine Ausbildung findet, ist selten.

Wie finden Sie heraus, was eine Person braucht? Gehen Sie auf die Leute zu?

Moro Yapha: Wir machen einmal in der Woche Streetwork. Die Zielgruppe hält sich nicht nur im Görlitzer Park auf, sondern an verschiedenen Orten im Wrangelkiez. Wir gehen dorthin und informieren über unsere Angebote.

Ralf Köhnlein: Viele Institutionen und Organisationen unterstützen unsere Arbeit, weil bestimmte Rechte nicht erfüllt sind, zum Beispiel das Recht auf Gesundheit. Wir arbeiten in einem solidarischen System mit anderen Stellen zusammen, ein Zahnarzt arbeitet zum Beispiel auch mal für lau. Wir haben ein Netzwerk aufgebaut, hier im Kiez ist die Solidarität sehr hoch. Wir treffen uns regelmäßig im Gremium mit anderen sozialen Einrichtungen,  Bezirksamt, Polizei und Ordnungsamt, der sogenannten Praktiker:innenrunde im Görlitzer Park. Wir tauschen uns aus. Es ist wichtig, zu kommunizieren, dass die Menschen einen Anspruch auf Unterstützung und Rechte haben, auch wenn sie ohne Papiere in Deutschland sind.

Haben die meisten Menschen, die zu Ihnen kommen, keine Papiere?

Moro Yapha: Die Mehrheit reist über andere europäische Staaten wie Italien und Spanien ein. Deshalb greift oft das Dublin-Verfahren. Mit den Dokumenten aus diesen Ländern können sie hier nicht bleiben. Viele kommen auch aus Baden-Württemberg nach Berlin. Die Afrikaner kommen wegen der Community in den Görlitzer Park, nicht nur, um Drogen zu verkaufen. Ich habe zum Beispiel nicht gedealt, aber bin gerne in den Görlitzer Park gegangen. Wir konnten in unserer Sprache über Probleme sprechen.

Ralf Köhnlein: Für mich ist es schön zu sehen, wenn sich die Community im Park trifft. Sie kommen mit Kindern, sie kommen mit ihrer traditionellen Kleidung und spielen Musik. Sie kochen und bringen Essen mit in den Park.

Dürfen Asylsuchende zu einem Arzt in einer anderen Stadt?

Moro Yapha: Die meisten haben eine Duldung, damit ist es nicht erlaubt, woanders hinzuziehen. Viele haben deshalb Angst, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sie wollen anonym bleiben. Auch wenn ich ihnen sage, dass unsere Mediziner die Daten aus der Sozialberatung nicht an die Ausländerbehörde weitergeben, sind viele verunsichert. Ein Klient hat eine schwere Krankheit. Seit mehr als sechs Monaten versuchen wir, ihm seine Medizin zu besorgen. Alles was sie sagen ist, er müsse dorthin gehen, wo er registriert ist, um behandelt zu werden. Es geht nur um den Aufenthaltsstatus, nicht um seinen Zustand.

Ralf Köhnlein: Oft gehen die Leute lange nicht zum Arzt, und dann ist es zu spät. Deshalb ist es nicht gut, dass das Recht, zu einem Arzt zu gehen, an einen Aufenthalt gebunden ist. Die Menschen sind hier und dann sollten sie auch hier medizinische Hilfe bekommen wie jeder andere auch. Das ist ohne Papiere oder mit einer Duldung und Registrierung in einer anderen Stadt nur durch unser solidarisches Unterstützer:innen-Netzwerk möglich.