Berlin - Tief durchatmen, kontrollierte, ruhige Bewegungen, den linken Arm hier hin, das rechte Bein dort hin, Spannung und Entspannung, ein Mann macht Tai-Chi-Übungen vor dem erneuerten Pamukkale-Brunnen im Görlitzer Park. Es ist sechs Uhr morgens.

Nur ein paar Meter weiter auf dem Hügel liegt ein anderer. Geblendet von der Sonne wacht er auf, schaut sich um, steht auf, durchwühlt seine Taschen. Ist alles noch da? Der Hügel, auf dem er sich ausgeruht hat, ist ein beliebter Platz im Park, wenn es warm ist. Nachts sitzen hier die Menschen, spielen Gitarre, singen, feuern auch mal ein Feuerwerk ab, trinken Bier und rauchen den einen oder anderen Joint. Sie bleiben, bis die Sonne aufgeht. Manche wollen dann immer noch nicht gehen, sie liegen auf dem schütteren Gras und schlafen für eine Weile ein. Der, der gerade aufgewacht ist, ist einer von ihnen. Jetzt trottet er davon.

Zu dieser frühen Stunde kommen auch die Müllmänner. Sie sammeln ein, was in der Nacht im Park liegen geblieben ist, Pappe, Decken, Weinflaschen, Glasscherben auf dem Gras und auf den Wegen.

Razzien und Radler

In letzter Zeit häufen sich Berichte über den Görlitzer Park als gefährlichem, kaputtem Ort, an dem sich die Menschen nicht mehr sicher fühlen könnten. Er ist zum Drogenumschlagplatz geworden, jeden zweiten Tag findet eine Razzia statt. Viele der Dealer sind afrikanische Flüchtlinge, die im Park Zuflucht gefunden haben. Sie werden überprüft und bekommen – da sie in der Regel nicht mehr als die Eigenbedarfsmenge Marihuana bei sich tragen – meistens einen Platzverweis. Kurze Zeit später seien sie sowieso alle zurück am Platz, sagen die Anwohner, die sich wünschen, dass der Bezirk ihren Park irgendwie wieder in Ordnung bringt.

Um acht Uhr morgens ist der Görlitzer Park fast eine Großstadtidylle. Fahrradfahrer sausen zur Arbeit, Jogger schwitzen. Es ist bereits warm, die meisten Bänke sind noch frei, man kann sich hinsetzen und Zeitung lesen, in die Ferne gucken. 14 Hektar groß ist der Park im Berliner Stadtteil Kreuzberg, es gibt Bolz- und Spielplätze darin, einen kleinen See, einen Kinderbauernhof, neuerdings sogar eine Streuobstwiese und außerdem zwei Aussichtshügel, von denen aus man die weiten Grünflächen des Parks sieht, die allerdings eher Steppe als Wiese sind. Der Blick von hier eröffnet einem das gesamte Stadtpanorama, bis zum Fernsehturm und weiter.

Die billigste Art, sich zu berauschen

Zwei, drei Dealer sind auch schon wach. Diejenigen, die im Park übernachtet haben, irgendwo. Man sieht es an der Kleidung, Halme kleben hinten am T-Shirt, Gestrüpp wird von der Hose abgeklopft. Grasflecken kann man sich hier kaum zuziehen.

So gegen elf Uhr treffen weitere Dealer ein, mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Sie begrüßen sich, reden miteinander, mal auf Englisch, mal auf Französisch, mal in afrikanischen Sprachen, die man so einfach nicht zuordnen kann. Die Bänke in der Nähe des Eingangs Falckensteinstraße sind bei ihnen beliebt, hier bieten sie einigen vorbeiflanierenden Parkbesuchern das erste Gras des Tages an.

„Telefon-Card, Telefon-Card“. Ein Mann auf einem Fahrrad zieht im Schneckentempo vorbei. Einige Dealer kaufen ihm eine SIM-Karte ab, stecken sie ins Handy, rufen jemanden an. Vielleicht den, der die größeren Mengen an Marihuana verwaltet, aber vielleicht ja auch nur ihre Eltern? Macht euch keine Sorgen um mich, alles läuft prima hier in Deutschland? Vor ein paar Tagen stand einer von ihnen in der Post an der Skalitzer Straße in der Schlange. Er wollte Verwandten ein Mobiltelefon und 40 Euro schicken, und er wusste nicht, wie man das macht. Einer aus der Schlange half ihm, füllte alle erforderlichen Formulare aus. Der Mann bedankte sich und sagte: Vielleicht sieht man sich ja mal im Park, da arbeite ich.

Im Görlitzer Park wird verkauft, was man aus Cannabis gewinnen kann. Haschisch ist die Droge, die in Kreuzberg schon immer konsumiert worden ist, man riecht es vor Kneipen und im Park. Es ist, neben Alkohol, die billigste Art, sich zu berauschen. Dass die Toiletten von Menschen belegt sind, die Kokain nehmen, das gibt es in Mitte, aber hier nur selten.

Ein Dealer erklärt den Weg

Um zwölf Uhr schlendern einige Mütter und Väter mit ihren Kindern zum Piratenschiff-Spielplatz. Der eine Vater macht mit seinem Kind eigentümliche Gleichgewichtsübungen. Das Kind kann noch nicht gehen, auf seiner rechten Hand balanciert er es, das Kind steht mit beiden Füßen auf dem Handteller, die Beine zittern, die linke Hand hat der Vater immer in der Nähe des Kindes, falls es umkippen sollte. Fast fällt es, der Vater fängt es auf. Beide lachen, es ist in Sicherheit.

Weiter hinten im Park, neben dem Fußballplatz, steht ein Mann mit seinem Fahrrad auf dem Weg, er hat ein Problem, sein Reifen ist platt. Wo geht es lang zum nächsten Fahrradladen? Rechts, links? Ein Dealer erklärt ihm den kürzesten Weg.

Eine Mutter schlendert mit ihrem Kinderwagen vorbei. Es ist viel angenehmer, den Wagen auf dem erst kürzlich geteerten Weg zu schieben, Richtung Kinderbauernhof. Den Bauernhof gibt es schon länger als den Park, der in den Neunzigerjahren auf Initiative der Anwohner entstand. Vorher war hier ein Bahnhof. Als kein Zug mehr fuhr, sagten die Anwohner: Wir brauchen ein Naherholungsgebiet. Wir brauchen Platz zum Spielen, wir brauchen Bäume und Hügel, wir brauchen einen Brunnen und viel Grün.

„Do you want some weed?“

Jetzt gehen viele der Anwohner gar nicht mehr hin. Er ist nicht mehr ihr Park, er ist ihnen egal. Oder ein Ärgernis. Wenn überhaupt, dann besuchen sie ihn tagsüber, oder sie nutzen ihn als Abkürzung, um schnell von Kreuzberg nach Neukölln zu gelangen. Zu viele Touristen, zu viele frisch Zugezogene, die es mit dem Partymachen übertreiben, sagen sie: Der Park ist zu vermüllt, zu laut, zu nervig. Der Park ist ein Arschloch.

Vor allem aber platzt er aus allen Nähten. Der einst beschauliche und ein bisschen triste Kiez wird überrannt von Berlin-Besuchern, die aus den Friedrichshainer Hostels über die Oberbaumbrücke durch die Falckensteinstraße genau auf den Park zuströmen. Besonders am Wochenende ist das Gedrängel hier groß. Dealer stehen links und rechts vom Eingang, sie sind überall.

Die Taktiken, wie sie ihr Produkt verkaufen, variieren. Es gibt den schüchternen Dealer, der bloß Augenkontakt sucht, sich sofort abwendet, wenn man nicht reagiert. Es gibt den musikalischen Dealer, der Lieder pfeift und einen dann mit „Do you want some weed?“ ansingt. Es gibt aber auch die, die einem hinterhergehen und immer wieder „Wie geht’s? Wie geht’s?“ fragen. Schon unangenehm, denn wie soll man sich verhalten? Man kann „Nein, danke“ sagen und zügig weitergehen. Oder man sagt nichts, schaut nicht hin, obwohl man merkt, dass man angestarrt wird. Man fühlt sich blöd dabei, egal, wie man reagiert. Und wenn man mit einem Kind unterwegs ist, fragt es unter Garantie: Was will der Mann denn? Warum gehen wir so schnell?

Eine Sisyphosarbeit für die Polizisten

Seit dem Jahreswechsel steigt die Anzahl der Beschwerden. Die Polizei versucht, das Problem zu lösen. Im letzten Monat gab es 16 Razzien. Größere und kleinere. Manchmal sind über hundert Polizisten im Einsatz.

Das Ganze läuft dann so ab: Zivilpolizisten beobachten Dealer und Käufer, geben ein Zeichen, dann geht es ganz schnell, alle zwölf Eingänge werden besetzt, Hundertschaften rücken in großen Wagen an, springen heraus und versuchen diejenigen zu erwischen, die weglaufen. Die Dealer sind im Vorteil, denn in voller Polizeimontur, mit Sicherheitsschuhen, Weste und allem, was dazugehört, kann man nicht besonders schnell spurten.

Im Juni wurden bei solchen Razzien 159 Personen überprüft, 106 Mal wurden Platzverweise erteilt, sie gelten maximal bis zum Ende des darauffolgenden Tages und werden wegen Residenzpflichtvergehens ausgesprochen – wenn sich ein Flüchtling in Berlin aufhält, obwohl er beispielsweise Baden-Württemberg nicht hätte verlassen dürfen. Es gab 28 Festnahmen im Juni, zumeist wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, wenn mehr als die zulässige Eigenbedarfsmenge von 15 Gramm gefunden wurde. Insgesamt 39 Mal wurde im vergangenen Monat Strafanzeige gestellt.

Die Polizisten suchen mit ihren Spürhunden in den Büschen und auch auf Bäumen nach Drogenverstecken. Was sie finden, lässt sich meistens niemandem persönlich zuordnen. Zwei, drei Stunden, dann ist der Einsatz vorbei, ebenso lange dauert es, bis die Dealer an der selben Stelle wie zuvor stehen – eine Sisyphosarbeit für die Polizisten.

Eine mobile Kantine für Drogenhändler

„Wir machen keine Razzia im Park, weil sich dort Menschen aus Afrika aufhalten, sondern weil dort Drogen verkauft werden, was gegen Gesetze verstößt. Wenn sich Anwohner beklagen, dass Drogen verkauft werden, sind wir verpflichtet einzugreifen“, sagte Holger Kreß, der stellvertretende Leiter des zuständigen Polizeiabschnitts 53. Er sagt das, weil der Polizei „Menschenjagd“ vorgeworfen wird und „racial profiling“, rassistisches Vorgehen. Aus Protest gegen die Razzien haben kürzlich mutmaßlich linke Aktivisten vier Autos an der Görlitzer Straße angezündet, ein Bekennerschreiben tauchte im Internet auf. Es kocht hier was hoch.

Tägliche Polizeieinsätze vermögen den Handel zu stören, beseitigen können sie ihn nicht, das zeigt sich frustrierend deutlich im Görlitzer Park. Die Polizei kann die Klagen der Anwohner nicht ignorieren, die den Park gern wieder für sich haben möchten, doch sich damit auch gegen die Asylbewerber stellen. Es entspricht eigentlich nicht der Kreuzberger Haltung, gegen Menschen zu sein, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, weil sie verfolgt werden, weil dort Krieg oder extreme Armut herrscht. Sie kommen nach Deutschland, weil sie Schutz suchen. Einige von ihnen verkaufen Drogen, um sich Geld hinzuzuverdienen, auch für ihre Familien. Für Flüchtlinge gilt im ersten Jahr ihres Aufenthalts in Deutschland ein absolutes Arbeitsverbot.

Es gibt mittlerweile sogar eine mobile Kantine für die Dealer. Eine Frau bringt Essen in Plastikbehältern zu den Dealern, noch so ein Nebengeschäft, das der Park hervorbringt.

Vielen Anwohnern ist der Park nicht egal und auch nicht die Menschen, die momentan darin leben. Die Streuobstwiese mit Äpfeln, Birnen und Reneclauden, auf der künftig alle ernten dürfen, erscheint allerdings auf liebenswürdige Weise hilflos. Vor allem, wenn man morgens in die Nähe des einen Hügels kommt, der in der Nachbarschaft Kotze-Pisse-Hügel genannt wird, wegen der Folgen der Partys, die hier, gern auch mit Lautsprecherboxen, gefeiert werden.

König der Flaschen

Der Park ist ein anderer geworden. Vor ein paar Jahren stand hier ein Grill neben dem anderen, viele türkische Familien waren da, die grillen jetzt alle woanders. Dafür gibt es jetzt andere, die gerade deshalb herkommen, weil so viel los ist. Sie alle wollen davon profitieren: der Open-Air-Friseur, die mobilen Getränke-Verkäufer mit ihrem gekühlten Bier, die Musiker und die Flaschensammler. Der selbst ernannte „King of the Bottles“ fährt oftmals nachts mit einer Eigenkreation, einem Mobil, das fast so groß ist wie ein New Yorker Hot-Dog-Stand, durch den Park, in den Behälter passen Hunderte von Flaschen.

Um viertel vor zehn geht die schwache Beleuchtung an, die wie in jeder Nacht bis zum Sonnenaufgang bleiben wird. Manche spielen nun Neon-Frisbee, andere Neon-Federball, es wird getrunken und gelacht. Durch den Rauch eines Lagerfeuers sieht man eine verzerrte Gestalt, die sich wie ein riesiger Vogel immer wieder vom Boden zu erheben versucht. Doch mit dem Alkohol hat sie die Macht über ihre Füße verloren und schafft es nicht abzuheben.

Ein anderer Betrunkener setzt sich zu einer Gruppe. Die will nicht, dass er bleibt. Sie sagen: Bitte geh. Und nimm deine Hunde mit. Er entgegnet: Hermine und Juri? Nein, die bleiben auch hier. Das ist mein Park.

Das sagen sie alle.