Wieder jährt sich das Kriegsende: nach Berliner Zeit kurz vor Mitternacht am 8. Mai, nach Moskauer Zeit zwei Stunden früher am 9. Mai. Im vergangenen Jahr hatte ich zu einem Gedenktreffen am Sowjetischen Ehrenmal nahe des Brandenburger Tors aufgerufen.

Prominenter Anlass war der 70. Jahrestag des 8./9. Mai und die Vorahnung, dass die Leiden der sowjetischen Bevölkerung von unseren Regierenden zu wenig beachtet würden. Die Initiative führte zu einem kleinen Erfolg, begleitet von der eigenwilligen Musik der 1986 in Berlin-Prenzlauer Berg gegründeten Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot und organisiert vom Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI, der von Berlin aus Verbindungen zu Menschen in allen Staaten der ehemaligen UdSSR pflegt. In diesem Sinne ist es gut, am kommenden Wochenende die sowjetischen Kriegsopfer mit Blumen zu ehren und dankbar die deutsche Niederlage zu feiern – sei es individuell oder gemeinschaftlich.

Barbarischer Terror gegen die Zivilbevölkerung

In diesem Jahr steht noch ein besonderes Gedenken an. Am 22. Juni 1941 – also vor 75 Jahren – begann der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Diesen Feldzug führte die Wehrmacht vom ersten Tag an mit den Mitteln barbarischen Terrors gegen die Zivilbevölkerung; deutsche Offiziere ermahnten ihre Soldaten ausdrücklich, das Kriegsvölkerrecht nicht zu beachten. Deutsche verwüsteten das Land, plünderten es hemmungslos aus, wollten die Bevölkerung um 30 bis 50 Millionen Menschen reduzieren. Tatsächlich hatten sie am Ende 27 Millionen sowjetische Männer, Frauen und Kinder auf dem Gewissen – teils im Kampf gefallen, zu Hunderttausenden in der Gefangenschaft ermordet, als Zivilisten vergast, willkürlich erschossen, gehenkt, in ihren Häuser verbrannt, zu Millionen und mit Vorsatz dem Hunger- und Kältetod preisgegeben.

Was wird unseren politischen Repräsentanten zum 75. Jahrestag einfallen? Hat das Deutsche Historische Museum eine spezielle Ausstellung vorgesehen? Was wird das Militärhistorische Museum in Dresden, betrieben von der Verteidigungsministerin, beitragen? Plant die Kulturstaatsministerin eine Sonderausstellung und eine neue Datenbank zu den Kunstwerken, Buchschätzen und Museumssammlungen, die deutsche Soldaten in der Sowjetunion plünderten und zerstörten? Werden die Berliner Philharmoniker in St. Petersburg, Kiew und Minsk versöhnende Konzerte veranstalten? Nichts davon! Wenn es derart wurstig weitergeht, wird das offizielle Deutschland am 22. Juni geschichtspolitische Ignoranz und bodenlose Rohheit demonstrieren – und das in politisch angespannten Zeiten, in denen es auf symbolischen Akte ankäme.

Am 13. November 1941 erklärte General Eduard Wagner, später Mitverschwörer des 20. Juli 1944, „nichtarbeitende Kriegsgefangene“ der Roten Armee „haben zu verhungern“, und fügte hinzu, „es kann keinem Zweifel unterliegen, dass insbesondere Leningrad verhungern muss“. Höchst fraglich, ob solche Tatsachen den sonst so wortreichen Bundespräsidenten Joachim Gauck dazu bewegen werden, am 22. Juni nach St. Petersburg-Leningrad zu reisen, um dort auf dem Piskarjowskoje-Friedhof der 470.000 russischen Hungertoten jeden Alters und Geschlechts zu gedenken und dort über die deutsche Schuld zu sprechen. Wunder sind möglich, jedoch selten.