Natürlich wollen wir hier nicht dem seinerzeit in Deutschland so beliebten Führer huldigen, sondern eine großartige Ausstellung des Märkischen Museums empfehlen. Sie ist die erste, die der neue Direktor Paul Spies initiiert hat. Sie heißt „Berlin 1937 – Im Schatten von morgen“ und lässt erahnen, wie es in dem Museum weitergehen soll, das der vielfältigen Geschichte Berlins, ihren Brüchen und Höhepunkten, ihrer Gewöhnlichkeit und Internationalität verpflichtet ist.

Folglich werden, das ist durchaus neu, in dieser Ausstellung sämtliche Texte und Tondokumente auch auf Englisch präsentiert. Stadtmuseen sind dazu da, den Eingesessenen und Zugezogenen, den Kindern und Touristen zu erklären, auf welchem noch immer nachbebenden historischen Boden sie stehen. Zu den besonders schwer verständlichen Kapiteln Berlins gehören die jüngsten. Daher hielt es Paul Spies für richtig, mit dem Schwierigsten, dem Nationalsozialismus, zu beginnen.

Scheinbar friedliche Jahre

Aber warum gerade so? Warum 1937? Zweifellos war dieses Jahr das äußerlich friedlichste des Dritten Reichs. 1936 hatte die Welt bei den Olympischen Spielen in Berlin deutsche Tatkraft und Sportlichkeit bewundert. Die Rassengesetze von 1935 schienen halbwegs vergessen, die politische Verfolgung hatte nachgelassen. Der Anschluss Österreichs und des Sudetenlands stand noch bevor.

Erst dann, im Verlauf des Jahres 1938, steigerte die deutsche Regierung den Terror gegen Juden extrem und brach schließlich den Zweiten Weltkrieg mit voller Absicht vom Zaun. Doch 1936/37 kultivierten die Volksgenossen das für jeden Einzelnen erfreuliche Gefühl, es gehe mit Sieben-Meilen-Stiefeln voran. Deutschland rüstete auf, schuf Vollbeschäftigung, ignorierte den verhassten Versailler Vertrag, erzwang sich Respekt.

Das seit 1918 schwer gedemütigte kollektive Selbstwertgefühl schwoll zu neuer Stärke an. Als illegal eingereister Verbindungsmann der Sozialistischen Arbeiterpartei schilderte Willy Brandt 1936 die Berliner Arbeiter als „nicht betont regimefreundlich“, aber „erst recht nicht regimefeindlich“. Aus Sicht des entrechteten Juden kommentierte Victor Klemperer im März 1937, „Hitler ist wohl doch der Erwählte seines Volkes“, und ein halbes Jahr später: „Hitler ist wahrhaftig der Sprecher so ziemlich aller Deutschen.“

Falsche Gewissheiten

Wer diese Situation scheinbarer Normalität und noch halb verborgener Unmenschlichkeit besser begreifen will, der besuche die neue Ausstellung im Märkischen Museum. Deren Kurator Gernot Schaulinski will die Besucher nicht volkspädagogisch lenken oder gar begrabschen. Er möchte ihnen falsche Gewissheiten nehmen, sie beunruhigen, ihnen Blickachsen auf Populisten, prekäre Massenstimmungen der Gegenwart und auf das eigene Spiegelbild eröffnen.

Da steht die heroisierende Büste von Horst Wessel, geschaffen 1936 von dem Bildhauer Fritz Koelle, neben dem beeindruckenden frühen Entwurf für ein Mahnmal im KZ Dachau, der als „zu grausam“ abgelehnt wurde, geschaffen 1946 - ebenfalls von Fritz Koelle. Das Plakat für die Ausstellung zeigt eine gewöhnliche Schreibmaschinentastatur, die über der Taste mit der 5 ein neues, 1937 schon selbstverständlich gewordenes Sonderzeichen aufweist – die SS-Rune. Besuchen Sie diese Ausstellung, liebe Leserinnen und Leser! Märkisches Museum, Di–So 10–18 Uhr.

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