Am 8./9. Mai jährt sich die segensreiche Niederlage der Deutschen. Unter den Vorzeichen der national-sozialen, herrenvölkischen Leitkultur hatten im Zweiten Weltkrieg 18.000.000 (in Worten: achtzehn Millionen) Soldaten der Wehrmacht den europäischen Kontinent ausgeplündert, verwüstet und mit Massenmord und Vernichtung überzogen.

Kranzniederlegung in Potsdam

Die schwersten Verluste erlitten Polen und die Sowjetunion. Dennoch konnten die Alliierten, allen voran die Rotarmisten, schließlich die deutsche Barbarei niederringen. All das ist bekannt, dennoch tut sich das offizielle Berlin schwer, diesen geschichtlich so bedeutsamen Tag würdig zu begehen. Beginnen wir jedoch mit dem Erfreulichen.

An diesem 8. Mai legte der Oberbürgermeister von Potsdam, Jann Jakobs (SPD), am Sowjetischen Soldatenfriedhof auf dem Bassinplatz einen Kranz nieder und hielt eine kurze Rede, mit dabei: Vertreter Russlands, Weißrusslands, der Ukraine und Generaloberst Alexej Mitjuchin, ehemaliger stellvertretender Oberbefehlshaber der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte (mit Hauptsitz in Wünsdorf). Nachmittags findet im Brandenburgischen Landtag eine Gedenkstunde statt. Von solchen diplomatisch klugen und menschlich eigentlich zwingend gebotenen Akten sind die Berliner Stadtregierung, Bundespräsident und Bundesregierung weit entfernt.

Müller? Lederer? Fehlanzeige

In den Kalendern des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) oder des gleichfalls zuständigen Bürgermeisters, Kultur- und Europasenator Klaus Lederer (Die Linke) konnte ich solche Termine nicht finden. Zwar wird Dietmar Bartsch am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow sprechen, aber das tut er als Co-Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag, nicht als Repräsentant eines Verfassungsorgans und – anders als in Potsdam – ohne einen Vertreter der Ukraine.

In Israel hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier soeben eine terminlich extrem günstige Gelegenheit verpasst, der jüdischen Soldaten zu gedenken, die in den alliierten Armeen mitgekämpft hatten, um das deutsche Gewalt- und Vernichtungszentrum zu zerschlagen.

Gedenken an jüdische Soldaten

Am Herzlberg in Jerusalem steht nämlich auch ein gewaltiges Monument für die 500.000 jüdischen Soldaten, die in der Roten Armee gedient hatten. Etwa 200.000 von ihnen verloren das Leben. Von diesen wurden Zehntausende als Gefangene von deutschen Kommandos erschossen, weil sie Juden waren. Das geschah nach der Methode „Hose runter, alle Beschnittenen vortreten!“

Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg und die historische Verantwortung der Deutschen hat nichts damit zu tun, was man heute von einzelnen politischen Aktionen der russischen, israelischen, polnischen oder US-amerikanischen Regierung hält.

"Wer nicht feiert, hat verloren"

Es geht um Anteilnahme, um Symbole der Völkerverständigung. Nicht mehr und nicht weniger. Was Russland beziehungsweise die Sowjetunion betrifft, ist an jedem 8./9. Mai auch an das Glück der erst mit russischem Wohlwollen möglichen Wiedervereinigung zu erinnern, die der deutschen Zwangsbefreiung von 1945 schließlich folgte. Wie stets am 9. Mai lautet das Motto am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park: „Wer nicht feiert, hat verloren!“ Das geschieht als großes Familienfest für Berliner jeden Alters, jeder Nation und jeden Geschlechts – mit Blumen, Essen, Getränken und Musik.