Jüngst reiste Bundespräsident Gauck zum 100. Jahrestag der deutsch-britischen Seeschlacht am Skagerrak nach England; zwei Jahre zuvor hatte er mit dem französischen Präsidenten an den Beginn des Ersten Weltkriegs erinnert. Zum 75. Jahrestag des Überfalls auf Polen war er in das von deutschen Soldaten und Zivilisten zerstückelte, zerstörte und mit Massenmorden überzogene Land gereist und hatte passende Worte gefunden.

Gauck wird wohl nicht an Opfer erinnern

Würde er nun zum 75. Jahrestag über den Krieg gegen die Sowjetunion ähnlich sprechen wie damals, müsste er sagen: „Viele Millionen sowjetische Bürger wurden willkürlich erschossen oder systematisch liquidiert. Sie endeten bei der Zwangsarbeit, im Bomben- und Geschosshagel, in Gaswagen und Massengräbern oder mussten verhungern“. Vermutlich wird Gauck das nicht tun und auch darauf verzichten, am 22. Juni, dem 75. Jahrestag, um 17.45 Uhr gemeinsam mit dem russischen und etwa zehn weiteren Botschaftern ehemaliger Sowjetrepubliken einen Kranz am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten niederzulegen, um wenigstens schweigend den Opfern dieses völkermörderischen deutschen Krieges die Ehre zu erweisen.

Zwar wird Bundestagspräsident Norbert Lammert am Nachmittag dieses Tages im Deutschen Historischen Museum vor Funktionären verschiedener Gedenkorganisationen zu diesem Thema sprechen. Aber das ist kein staatlicher Akt, sondern eine Ausweichhandlung, mit der die bräsige Gleichgültigkeit unserer Verfassungsorgane und ihrer Repräsentanten allenfalls bemäntelt wird. Wenn schon, hätte Lammert im Bundestag zu sprechen, der an diesem Tag zu einer regulären Sitzung zusammentritt.

Völkermord

Um die allfällige Ignoranz etwas zu stören, sei heute an mehr als 30.000 sowjetische chronisch Kranke erinnert, die deutsche Soldaten und SS-Angehörige ermordeten, um deren Anstalten als Quartiere zu nutzen. Der Generalstabschef des deutschen Heeres, Franz Halder, meinte im November 1941: „Russen sehen Geistesschwache als heilig an. Trotzdem Tötung notwendig.“ In einem Vorort von Leningrad ließ Generaloberst Georg von Küchler 230 epilepsiekranke Frauen erschießen, deren Anstalt er mit seinen Offizieren beziehen wollte, und begründete das zudem so: „Es kommt hinzu, dass die Insassen der Anstalt auch im Sinne deutscher Auffassung Objekte nicht mehr lebenswerten Lebens darstellen.“

Im Dezember 1942 verschaffte sich der Schriftsteller Ernst Jünger ein Bild vom Russlandfeldzug und reiste bis zum Kaukasus. In Stawropol, wo Helmut Kohl und Michail Gorbatschow 1990 den Kalten Krieg beendeten, notierte Jünger, wie – dem Wunsch der Heeressanitätsinspektion folgend – 800 Geisteskranke „durch den Sicherheitsdienst umgebracht“ wurden und kommentierte: „Das Reich des Todes wird zum Abstellraum; man steckt, was unbequem, was schwierig scheint, dorthin auf Nimmerwiedersehen. Doch darin irrt man sich vielleicht.“

Ob unserer sonst so redseligen Verteidigungsministerin dazu etwas einfallen wird? Womöglich glauben der Bundespräsident, Ursula von der Leyen, die meisten Bundestagsabgeordneten und die Kanzlerin, sie könnten sich von all diesen Mordtaten auf Nimmerwiedersehen abwenden. Doch darin irren sie sich – zum Schaden Deutschlands.