Die vergangenen drei Wochen forderten mir einiges ab: neun Veranstaltungen zum 9. November 1938, eine Predigt in der Berliner St. Marienkirche zum Ende des Ersten Weltkriegs, Podiumsdiskussionen und Interviews. Dabei reiste ich quer durch die Republik: von Stralsund nach Münster, von Bamberg über München bis Hechingen, von Mannheim über Worms und Bensheim bis Borken in Westfalen.

In Borken organisiert der SPD-Ortsverein seit 25 Jahren das Gedenken an den 9. November 1938. Die von der CDU gestellten Spitzen der Stadt nehmen daran teil; artig bedanken sie sich bei den Sozialdemokraten für die Erfindung dieser Tradition. Der Stadtarchivar verkauft ein 390 Seiten dickes Werk über „Die jüdischen Gemeinden in Borken und Gemen“, dem man das liebevolle Engagement und die Intensität der Recherche auf jeder Seite anmerkt. Nach meinem Vortag gab es Schnittchen und Bier, die Leute diskutierten und wichen nicht. Selbstverständlich hält die Gemeinde Kontakt zu den Nachfahren der Überlebenden in Israel und in den USA.

„Wir waren nicht dabei, aber wir sind die Erben.“

Ähnliches geschieht in Hechingen im Zollernalbkreis. Anders als die protestantische württembergische Umgebung blieb man dort katholisch. An diesem 9. November versammelten sich die Leute zunächst in der St. Jakobuskirche, um erstmals mit einem halb getragenen, halb stürmischen Glockengeläut, entsprechender Orgelmusik und der auf Hebräisch verlesenen Geschichte von Kain und Abel kirchlich an die Schrecken der Pogromnacht zu erinnern. 

Andere Gemeinden der Gegend schlossen sich dem neuen Brauch an. Der Gemeindepriester sprach kurz und klar: „Wir waren nicht dabei, aber wir sind die Erben. Vor 80 Jahren wurde das offenbarte Gotteswort mit Füßen getreten.“ Anschließend ging es in die große – wiederhergestellte und rappelvolle – Synagoge zum Vortrag. Hier lag die Initiative beim Verein „Alte Synagoge“, der seit 1982 besteht.

Für einen Teil meiner DDR-verbundenen Leser sei angemerkt: In Hechingen wurden die Brüder Konrad Wolf (später Regisseur) und Markus Wolf (später Geheimdienstchef) geboren und der Reichstagsabgeordnete Paul Levi. Letzterer führte 1919 bis 1921 die KPD, dann kehrte er wegen der Bolschewisierung – man könnte auch sagen: Thälmannisierung – der von ihm mitbegründeten Partei zur SPD zurück. 

Wer zerstörte mit wem zusammen die erste deutsche Republik?

Als Levi 1930 plötzlich starb, erhob sich der Reichstag zum Gedenken, nicht jedoch die Fraktion der NSDAP. Sie verließ pöbelnd den Saal – gemeinsam mit den Abgeordneten der KPD! Frage: Wer zerstörte mit wem zusammen die erste deutsche Republik?

Zurück zum Gedenken an den November 1938. In Bensheim sang man in aller Eintracht mit der sehr munteren Stadtverordnetenvorsteherin von der CDU das Moorsoldatenlied, weil es vor 30 Jahren von Linksbewegten so eingeführt worden ist. In Stralsund empfing mich der Verein „Historische Warenhäuser Wertheim und Tietz“, in Worms die „Gesellschaft zur Förderung und Pflege der jüdischen Kultur“, in Bamberg die „Katholische Hochschulgemeinde“.

Mich beeindrucken die Kraft, die Ernsthaftigkeit und das Engagement all dieser Initiativen und Vereine. Überall in Deutschland haben sie in den vergangenen 30 Jahren eine immer stärker gewordene, fundierte Gedenkkultur geschaffen – in vielfältiger Weise und mit parteiübergreifender bürgerlicher Selbstverständlichkeit.