Anders als in Berlin lag in Aleppo Schnee an Weihnachten, und erstmals seit fünf Jahren feierten die Christen dort in Ruhe. Während des innerstädtischen Krieges standen sie weitgehend auf der Seite der Regierungsstreitkräfte, weil sie von diesen am ehesten Glaubensfreiheit erhofften, während die vielfach landesfremden Dschihadisten für sie Intoleranz, Not und Tod brachten.

Wir müssen uns von der Einteilung in gut und böse verabschieden

Diese islamistischen Gotteskrieger wurden und werden von unseren Medien als „die Rebellen“ oder „die Opposition“ - sprich: als die Guten im syrischen Bürgerkrieg - verniedlicht, ebenso von Angela Merkel. Im scharfen Gegensatz zu ihr weigert sich der von Papst Franziskus im vergangenen Sommer ernannte, auch für Syrien zuständige Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, solchen Parteinahmen zu folgen.

Der vatikanische Diplomat Pizzaballa ist Apostolischer Administrator des Lateinischen Patriachats Jerusalem und als solcher für die Katholiken des Nahen Ostens zuständig. Zu Weihnachten erklärte er: „Ich bin froh, dass wenigstens die kriegerischen Auseinandersetzungen in Aleppo vorbei sind. So können die Christen Weihnachten ohne Furcht feiern. Hoffen wir, dass die Bürger Aleppos nicht nur ihre Stadt, sondern auch ihre Beziehungen wieder so aufbauen, wie sie traditionell gewesen sind.“

Zerstörte Kirchen müssen wieder aufgebaut werden

Wie wäre es, wenn unsere Bundeskanzlerin mit diesem hochgebildeten und kenntnisreichen Kirchendiplomaten spräche, um ihre Syrienpolitik realpolitisch statt an ideologisch gebundenem Wunschdenken auszurichten? Immerhin konnten die Mitglieder der katholischen Minderheit Aleppos kurz vor Weihnachten damit beginnen, ihre teilweise zerstörte Kirche Sankt Elias in der Altstadt für die erste Weihnachtsmesse seit fünf Jahren provisorisch herzurichten.

Ebenso bereiteten die syrisch-orthodoxen und griechisch-orthodoxen Christen ihre Feierlichkeiten vor. Ihre Bischöfe, Gregorios Yohanna Ibrahim und Bulos Jasidschi, wurden 2013 im Gebiet der sogenannten Freien Syrischen Armee entführt, ihr Fahrer wurde erschossen. Von den beiden Geistlichen fehlt bis heute jede Spur. Westliche Politiker interessierten solche Verbrechen nicht; unbeeindruckt unterstützten sie die dafür verantwortlichen „Rebellen“.

Weihnachten ist kein Anlass, Polit-Märchen zu verbreiten

Das kann, wie man nunmehr sieht, sehr unerwünschte Folgen haben. Neulich paradierten Einheiten der mit Assad verbündeten israelfeindlichen Hisbollah mit in den USA hergestellten Panzerwagen - erbeutet von „den Rebellen“. In Israel befürchtet man jetzt, die Hisbollah könnte sich auch solcher US-Boden-Luft-Raketen bemächtigt haben, die „der Opposition“ geliefert worden waren, um syrische und russische Kampfflugzeuge abzuschießen. Die Hisbollah mit solchen Waffen - ein schauriger Gedanke.

In Berlin sollten wir eines nicht vergessen: Der Mörder vom Breitscheidplatz fühlte sich Terrormilizen wie dem IS und der Al-Nusra-Front verbunden, also jenen Weltanschauungskriegern, die in den Teilen von Damaskus und Aleppo, die sie nicht beherrschen konnten, zahllose Attentate und Selbstmordanschläge begangen und dabei tausende Zivilisten in den Tod gerissen haben.

Aber statt klarer Analysen erfreuen sich in Deutschland Propagandamärchen wie das vom „siebenjährigen Twitter-Mädchen Bana“ großer Popularität. Weihnachten ist kein Grund, den politischen Verstand zu verlieren.