Am 9. November 1918 wurde die erste deutsche Republik ausgerufen, vor 29 Jahren fiel am gleichen Tag die Mauer. Damit lassen sich die Gedenktage gleichen Datums – 95 Jahre Hitlerputsch und 80 Jahre Pogromnacht – überblenden. Und so mancher redet sich ein: „Die guten Linien unserer Geschichte sind stärker als die bösen.“ Doch verbindet unsere vier November-Ereignisse nicht allein der Kalendertag.

Weil die deutsche Teilung Folge des Zweiten Weltkriegs war, hängt der 9. November 1989 mit dem 9. November 1923 und 1938 zusammen. Auch finden sich unter jenen, die 1989 riefen „Wir sind das Volk“ nicht wenige, die heute Pegida-Aufmärsche und AfD-Agitation bevorzugen.

Arthur Cohen: Ähnliche Gedanken in den letzten Tagen des Kaiserreichs

Ein solcher Wandel hatte sich auch in der sehr viel schwierigeren Zeit zwischen 1918 und 1933 vollzogen, und der zwingt zur Skepsis: Wäre Hitler ohne Republik und Demokratie jemals zur Macht gelangt? Hätte sich der deutsche Antisemitismus ohne Demokratie derart radikal formieren können? Vor genau hundert Jahren, in den letzten Tagen des Kaiserreichs, stellte sich der Münchner Staatswissenschaftler Arthur Cohen (1864–1940) solche Fragen.

Angesichts der hereinbrechenden Zeitenwende konstatierte er die „auffallende Erscheinung, dass sich in einem Lande der Antisemitismus oft erst dann so recht bemerkbar macht, wenn die Demokratie erstarkt“. Diese Sorge bestätigte die Demokratisierung des österreichischen Wahlrechts von 1896 exemplarisch. So gesehen entstanden in der nationalistisch geprägten Welt von 1918 mit der „Herrschaft der Masse, das heißt der größeren Masse“ erhebliche Gefahren für die jüdische Minderheit. Zumal sich, so Cohen, „die Angehörigen der Majorität“ mit Vorliebe „auf die Minorität werfen“, weil ein solcher Kampf leicht zu gewinnen ist und meist „die Ausschaltung der Konkurrenz bezweckt“.

Bande des Gesetzes und der Ordnung gelockert

Häufig wird zur Verteidigung der Weimarer Demokratie angeführt, sie sei von Anfang an eine Republik ohne Demokraten gewesen. Das ist falsch. Die ersten Reichstagswahlen vom 19. Januar 1919 bescherten den gemäßigten Parteien eine satte Mehrheit von 80 Prozent. In den letzten Wahlen, abgehalten am 6. November 1932, errangen die Feinde der Republik (NSDAP, KPD und DNVP) fast 60 Prozent der Stimmen.

Wie waren aus guten Demokraten Antidemokraten geworden? Sowohl der Erste Weltkrieg als auch die Demokratie selbst hatten „die Bande des Gesetzes und der Ordnung gelockert“, wodurch die „unruhigen Elemente“ leicht die Oberhand gewinnen konnten.

9. November: Ohne 1923 und 1938 hätte 1989 nicht stattfinden müssen

Das prognostizierte 1882 der Wiener Autor Isidor Singer (1859-1939) für die Zeit nach dem von ihm erwarteten europäischen Völkerkrieg. Später, 1924, notierte Ernst Bloch unter der Überschrift „Hitlers Gewalt“, was er im Frühjahr 1919 in München beobachtet hatte: „Dieselben Menschen“, die eben noch bei der Beerdigung des ermordeten Bayerischen Ministerpräsidenten, des Sozialisten Kurt Eisner, „in zahllosen Trauerzügen die Straßen geschwärzt hatten“, liefen wenige Wochen später zur anderen Seite über: „Von heute auf morgen wechselten die Fahnenschäfte den Sowjetstern mit dem Hakenkreuz.“

All das mag die heutige Feierlaune stören, widerlegt jedoch nicht diese Einsicht: Der 9. November 1918 bildete eine von mehreren Voraussetzungen für den 9. November 1923 und 1938 – und ohne die beiden Letzteren hätte der 9. November 1989 nicht stattfinden müssen.