Berlin - Mit 19 Jahren diente der neue Berliner Staatssekretär für Stadtentwicklung Andrej Holm 1989/90 für ein paar Monate der Stasi als Offiziersanwärter. Die Weichen dafür hatten geschulte Anwerber früh gestellt, als der wohl schon damals recht ehrgeizige Holm 14 Jahre alt war. 1990 setzte das friedliche Ende der Stasi diesem Karriereweg ein Ende. Da all das unter einer fürsorglich-diktatorischen Staatsgewalt geschah, halte ich die Stasi-Vorwürfe gegen den seinerzeit jugendlichen Holm für bigottes, seit 25 Jahren eingeübtes Geschrei.

Es führte mit dazu, dass Holm diesen Teil seines Lebens später nur halb wahr offenlegte. Vernünftigerweise verbaute er sich seine Lebenschancen nicht selbst. Der linke Sozialdemokrat Erhard Eppler war 1944 mit 18 Jahren der NSDAP beigetreten, dasselbe tat Hans-Dietrich Genscher mit 17. Na und? Menschen ändern sich mit den Verhältnissen, und das eigene Gedächtnis funktioniert im Allgemeinen selbstgnädig.

Holm lobte, dass Venezuela 1999 „offiziell Abschied vom Modell der repräsentativen Demokratie genommen“ hat

Mich interessiert, womit sich der erwachsene Andrej Holm als Stadtsoziologe an der Humboldt-Universität für sein jetziges Staatsamt qualifiziert oder disqualifiziert hat. Deshalb habe ich mir seine Veröffentlichungen angesehen. Vor knapp zehn Jahren, 2007, gab er dieses Büchlein heraus: „Revolution als Prozess. Selbstorganisation und Partizipation in Venezuela“. Da man die Ergebnisse dieser Revolution inzwischen gut kennt, eignet sich das Werk, um die Befähigung des Herausgebers und Mitautors zu wissenschaftlichen Prognosen zu überprüfen. Holm lobte darin, dass Venezuela 1999 „offiziell Abschied vom Modell der repräsentativen Demokratie genommen“ und zugleich dem Präsidenten „beschränkte Sondervollmachten“ eingeräumt hatte.

Während sich der Autor in seinen Texten stets den „kritischen WissenschaftlerInnen“ zurechnet, behauptet er in dem Buch wenig kritisch, der damalige venezolanische Präsident Hugo Chávez sei ein „Ermöglicher“ gewesen: „De facto liegen die meisten Entscheidungen des Präsidenten sehr nah an den Forderungen der Basisbewegungen und werden dazu eingesetzt, die partizipative Demokratie zu stärken.“

Holm warb für eine „parallele Machtausübung und -kontrolle im Sinne partizipativer und protagonistischer Demokratie“

Als 36-Jähriger begeisterte sich der nunmehr auf die Berliner Verfassung vereidigte Staatssekretär Holm für die „Ablehnung der Strukturen der repräsentativen Demokratie – sei es in Form von Parlamenten oder Parteien“. Stattdessen warb er für eine rätedemokratische „parallele Machtausübung und -kontrolle im Sinne partizipativer und protagonistischer Demokratie“. Protagonisten sind für den Autor Hartz-IV-Empfänger, Menschen, die an den Rändern der Gesellschaft leben, denen „Entscheidungsmacht“ und „Hebel in die Hand gegeben“ werden sollen, um ihre Interessen mit den Techniken der außerparlamentarischen Doppelherrschaft gegen „alte Bürokratien“, überkommene Gesetze und Eigentumstitel durchzusetzen.

Holm sieht (sah?) im venezolanischen „Realexperiment in Sachen Volksmacht einen neuen Ansatz, der nicht nur in Venezuela eine Demokratisierung der Stadtentwicklung einleitet, sondern auch für uns einige Denkanstöße bereithält“. Wer wie Holm aus dem sozialistischen Desaster Venezuelas „Denkanstöße“ importieren und noch 2014 mit der türkischen „Jugendantifa“ die Berliner Verhältnisse zum Tanzen bringen wollte, gefährdet das Wohl der Stadt! Fortsetzung folgt bei Bedarf.