Goldener Bär: Poesie und Realismus

Es war ein Herbsttag im Jahr 1993, als die Taviani-Brüder in ein Bonner Kino gekommen waren, um dem Publikum ihren damals aktuellen Kinofilm „Fiorile“ vorzustellen. Dennoch schien ihnen das plötzlich gar nicht mehr angebracht – war doch wenige Stunden zuvor der Tod Federico Fellinis gemeldet worden. Wie sollten sie da noch über die eigenen Werke reden?!

Also zogen es zwei gestandene Filmemacher in ihren Sechzigern, die immerhin bereits eine Goldene Palme von Cannes und einen venezianischen Löwen (fürs Lebenswerk) ihr eigen nannten, vor, mit uns fremden Kinofans um den verehrten Meister zu trauern.

Preise aus Cannes, Venedig und Berlin

Jetzt, mit über achtzig Jahren, haben die Tavianis das Trio der berühmten Preisstatuetten komplett. Ihr neuer Film „Cesare deve morire“ wurde am Samstag mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet: Für den Jury-Präsident Mike Leigh war das wohl eine ähnlich tiefe Respektsbezeugung. Erweisen sich die Altmeister in ihrem neuen Werk doch einmal mehr als legitime Erben einer Schule des Filmemachens, die das politische und soziale Kino weltweit inspirierte: des Neorealismus.

Nicht nur die Schwarzweiß-Ästhetik steht für dessen Erbe. In der Arbeit mit Laiendarstellern treiben die Tavianis die Ideale eines Regisseurs wie Roberto Rossellini sogar auf eine besondere Spitze: Mörder spielen Mörder in dieser Shakespeare-Aufführung hinter Gittern.

Gelernte Journalisten

Gemeinsam mit Joris Ivens hatten die gelernten Journalisten Paolo und Vittorio Taviani 1960 den sozialkritischen Dokumentarfilm „Italien ist kein armes Land“ gedreht. Um später die Armut der Landbevölkerung zum Hintergrund gleichermaßen realitätsnaher wie poetischer Spielfilme zu wählen.

„Padre Padrone“ (1977), der ihnen die Goldene Palme von Cannes eintrug, handelt von der Emanzipation eines sardinischen Schafhirten innerhalb eines patriarchalisch geprägten Milieus. In „Die Nacht von San Lorenzo“ (1982) kontrastieren scheinbar nebensächliche Ereignisse im Leben einer toskanischen Dorfgemeinschaft mit den dramatischen Entwicklungen am Ende des Zweiten Weltkriegs.

In den Sphären eines poetischen Realismus

Geboren im malerischen San Miniato, kannten die Brüder Taviani, die stets alle Arbeitsschritte teilen, die Gegend wie ihre Westentasche. Hatte dieser Film bereits einen märchenhaften Erzählton angeschlagen, bewegten sich die Tavianis in ihrer Luigi-Pirandello-Verfilmung „Kaos“ (1984) gänzlich in die Sphären eines poetischen Realismus. Tiefblaue Nächte breiten sich da über den ländlichen Weiten aus und verweisen darauf, dass sie in dieser Zeit nicht nur den Filmkomponisten Nicola Piovani mit ihrem Vorbild Fellini teilten.

In den Folgejahren entfernten sich die Brüder freilich immer mehr von ihren Wurzeln im sozialkritischen Realismus. So ließen sie die Anfänge der italienischen Filmindustrie im aufwendigen Schaustück „Good Morning Babylon“ auferstehen, doch die Figuren blieben oberflächlich.

Balance aus Härte und poetischer Überhöhung

In einer Serie gefälliger Literaturverfilmungen verlor sich seit den 1990er-Jahren ihr Stil fast bis zur Unkenntlichkeit. So verfilmten sie etwa Goethes „Wahlverwandtschaften“ und Tolstois „Auferstehung“, ohne dabei bleibende Eindrücke zu hinterlassen. Das Besondere ihrer frühen Filme – eine Balance aus Härte und poetischer Überhöhung – verflüchtigte sich zu Gunsten einer indifferenten Gediegenheit, wie sie für den Niedergang der italienischen Filmkultur typisch war.

Umso erfreulicher ist nun die Rückkehr des Brüderpaars zum Purismus und zur Strenge ihres Frühwerks im Berlinale-Gewinnerfilm „Cesare deve morire“, ergänzt durch eine altersweise Anmut und Verspieltheit. Der Weg zur Wiederentdeckung des Semi-Dokumentarischen und zur Improvisation mit Laiendarstellern muss die Tavianis selbst ein wenig überrascht haben.

Auf die Einladung einer Bekannten hin, „mal wieder richtig zu weinen“, hatten sie eine Gefängnisaufführung von Dantes „Inferno“ besucht. Und daraufhin beschlossen, etwas Licht in die Hölle des Alltags von Schwerstkriminellen zu werfen. Es ist eine jener schicksalhaften Fügungen, von denen sie in einem Meisterwerk wie „Kaos“ so gern erzählten.