Moabit - Die „Big Maple Leaf“ gilt als die zweitgrößte Goldmünze der Welt. Hundert Kilogramm ist sie schwer. Sie hat einen Durchmesser von 53 Zentimetern, ist drei Zentimeter dick, und sie hat einen Verkaufswert von 3,75 Millionen Euro. Seit 2010 war die Münze im Münzkabinett des Berliner Bode-Museums zu sehen. In einer Vitrine aus Sicherheitsglas. In der Nacht zum 27. März 2017 verschwand die „Big Maple Leaf“ aus dem Museum. Bei einem der spektakulärsten und wohl dreistesten Einbrüche der vergangenen Jahre in Berlin. Der Coup sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Ab dem kommenden Donnerstag müssen sich vier Männer wegen des Verschwindens der Goldmünze vor dem Berliner Landgericht verantworten, und das Medieninteresse an diesem Verfahren ist enorm. „Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten gemeinschaftlichen Diebstahl in einem besonders schweren Fall vor“, sagt Gerichtssprecherin Lisa Jani.

Angeklagt ist der 20 Jahre alte Denis W., ein Wachmann aus dem Museum. Bei seinen mitangeklagten Komplizen handelt es sich um drei Mitglieder einer polizeibekannten arabischstämmigen Großfamilie Berlins: Der 20-jährige Ahmed R. und der vier Jahre ältere Wayci R. sind Brüder, der 22-jährige Wissam R. ist ihr Cousin.

Videos zeigen Diebstahl der Goldmünze

Die Angeklagten sollen den Coup laut Anklage mindestens zehn Tage vor der Tat geplant haben. Dabei habe Denis W. als Wachmann des Museums den drei Mitangeklagten wichtige Hinweise zu den Räumlichkeiten und den Sicherheitsmaßnahmen gegeben. Ahmed R., Wayci R. und Wissam R. sollen den Einbruch dann begangen haben – mit einfachsten Werkzeugen hätten sie sich der schweren Beute bemächtigt.

Laut Anklage liefen sie in jener Märznacht des Jahres 2017 gegen drei Uhr vom S-Bahnhof Hackescher Markt über die S-Bahn-Gleise. Das sollen Überwachungsvideos des S-Bahnhofs belegen, auf denen drei vermummte Männer zu sehen sind, die peinlichst darauf achten, nicht erkannt zu werden. Die Videos zeigen auch, dass die Einbrecher bereits in zwei Nächten vor der Tat versucht hatten, in das Bode-Museum einzudringen.

In der Tatnacht kletterten die Einbrecher vom Bahndamm offenbar über eine Leiter in eines der Fenster der Umkleidekabine für Mitarbeiter des Museums, das nicht an den Alarmkreislauf des Museums angeschlossen gewesen sein soll. Von dort begaben sie sich in das Münzkabinett. Mit einer Axt sollen sie das Panzerglas der Sicherheitsvitrine eingeschlagen haben, in der sich die riesige Goldmünze befand.

Transport der Goldmünze mit Schubkarre

Sie bugsierten nach Angaben von Ermittlern die „Big Maple Leaf“ auf ein Rollbrett an ein Fenster, warfen die Münze dann auf die Gleise und transportierten sie mit einer Schubkarre weiter. Die Ermittlungen ergaben, dass sie die Münze vom Bahndamm in den Monbijoupark fallen ließen. Dann seilten sich die Täter offenbar von der Bahntrasse ab, verluden ihre Beute in ein Auto und fuhren davon. Die Polizei konnte Seil, Leiter, eine Schubkarre mit auffallend hellen Reifen, einen Axtgriff und das Rollbrett am Tag nach dem Einbruch sicherstellen.

Vier Monate später nahmen die Ermittler die Tatverdächtigen fest. Ermöglicht wurde das unter anderem durch DNA-Spuren, die an den sichergestellten Tatwerkzeugen gefunden worden waren. Bis heute ist unklar, was mit der Goldmünze geschah. Von ihr fehlt jede Spur. Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage davon aus, dass die Riesenmünze zerteilt und Stück für Stück veräußert wurde.

Nur fünf Exemplare der Münze

Die gestohlene „Big Maple Leaf“ gehört zu fünf Exemplaren, die im Jahr 2007 in Kanada geprägt wurden. Eine Münze gehört Queen Elisabeth II., deren Abbild die Münze ziert. Zwei weitere sollen sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten befinden. Ein Exemplar soll ein Spanier besitzen. Die gestohlene Goldmünze war im Besitz eines Düsseldorfer Immobilieninvestors und Kunstsammlers. Er hatte die „Big Maple Leaf“ 2010 dem Bode-Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.

Sollte sich die Schuld der drei Angehörigen der Großfamilie R. herausstellen, dann wäre das nicht die erste spektakuläre Straftat, die auf das Konto des Clans geht. Die Großfamilie R. stammt aus dem Libanon. Für Schlagzeilen sorgte auch ein Coup vom Oktober 2014. Damals hatten sich Clanmitglieder in eine Filiale der Sparkasse in Mariendorf einschließen lassen und mehr als 100 Schließfächer aufgebrochen. Die Beute belief sich auf knapp zehn Millionen Euro. Erst im Juli vorigen Jahres gingen Ermittler gegen die Großfamilie vor. Sie beschlagnahmten 77 Immobilien, die einen Wert von mehr als neun Millionen Euro haben. Die Immobilien sollen aus den Erlösen verschiedener Straftaten von Clanmitgliedern finanziert worden sein.

Gegen die mutmaßlichen Münzdiebe war nach ihrer Festnahme zwar Haftbefehl erlassen worden, doch befinden sie sich derzeit wieder auf freiem Fuß. Die Angeklagten sollen sich zu den Vorwürfen bisher nicht geäußert haben.

Das Verfahren gegen die vier Angeklagten findet vor einer Jugendkammer des Landgerichts statt, da drei der Angeklagten zur Tatzeit Heranwachsende waren. Insgesamt sind bisher zwölf Verhandlungstage geplant – ein Urteil könnte demnach Ende März gesprochen werden.

Der öffentliche Prozess beginnt am Donnerstag um 9.30 Uhr im Sall 700 des Kriminalgerichts Moabit in der Turmstraße 91.