Berlin - Alice-Salomon-Hochschule entscheidet sich für die Kunst auf ihrer Südfassade“ ist die Pressemitteilung überschrieben, mit der die Hochschule am Dienstag ihre Entscheidung bekanntgibt, das Eugen-Gomringer-Gedicht von dieser Fassade zu tilgen.

Der Akademische Senat, bestehend aus Hochschulprofessoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern, solchen aus der Verwaltung sowie Studentenvertretern, hatte am Vormittag entsprechend abgestimmt. Künftig soll ein Gedicht der Lyrikerin Barbara Köhler die Fassade zieren. Köhler ist wie Gomringer Trägerin des Poetikpreises, den die Hochschule in Hellersdorf seit einigen Jahren vergibt.

Der Abstimmung vorausgegangen sei ein Beschluss der Hochschule, die Fassade neu zu gestalten und anschließend ein demokratischer Prozess, heißt es weiter. Kein Wort über die heftige öffentliche Diskussion über das Gedicht, kein Wort von Sexismus, von Zensurvorwürfen gegen die Hochschule, von der Freiheit der Kunst.

Den Ball flach halten, lautet offenbar die Devise: Es muss renoviert werden, und das kann man doch als Gelegenheit nutzen, mal ein anderen Preisträgertext zu präsentieren. Das ist der Tenor. Gomringers Text werde ja auf einer Tafel an der Fassade angebracht. Kein Wort von einem Dissenz mit dem Dichter. Dabei gibt es diesen sehr wohl.

„Ich bin entsetzt“

„Wir sind schon traurig“, ist der erste Satz seiner Frau am Telefon. Der Dichter lebt mit seiner Familie im oberfränkischen Rehau. Am 20. Januar ist er 93 Jahre alt geworden. Dann spricht Gomringer. „Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst.“ Ende der Woche will er sich mit seinem Anwalt beraten. Müsse es weg, solle das Gedicht weiterhin auf einem Plakat an der Hochschulwand präsentiert werden, fordert er, dazu ein Plakat mit einer klaren Begründung der Entfernung in deutscher und englischer Sprache.

Gomringer verschickte am Mittwoch noch einen Kommentar in Gedichtform, darin heißt es: „vielen Bürgerinnen und Bürgern/ Freundinnen und Freunden/ der Dichtkunst/ sind Begründung und/ Eingriff in das/ Verhältnis im sozialen Leben/ zu Kunst und Poesie unverständlich/ und unverantwortlich“. Dann erzählt er noch von seiner Geburtstagstorte. Seine Tochter, die Dichterin Nora Gomringer, hatte sie mit dem Fassadengedicht verziert.

„Ich bin entsetzt“, sagt Thomas Wohlfahrt, der Leiter des Hauses für Poesie in Berlin, das mit der Hochschule bei der Vergabe des Poetikpreises kooperiert. Bisher jedenfalls. Denn die Kooperation will Wohlfahrt aufkündigen. „Der Künstler ist beschädigt, der Preis ist denunziert.“ Und die Frage ist ja tatsächlich, welcher Autor die Auszeichnung in Zukunft noch entgegennehmen würde.

Klassische patriarchale Kunsttradition

So schön könne die Welt sein, wenn man sie sich schönredet, sagte Wohlfahrt noch in Bezug auf die Mitteilung der Hochschule. Wie wahr. Denn angefangen hat alles ja keineswegs mit einem Renovierungsvorhaben, sondern mit einem Sexismusvorwurf gegen das Gedicht, einem Unwohlsein der in der Mehrheit weiblichen Studenten an dieser Hochschule, die Sozialarbeiter ausbildet, Kindheitspädagogen, Pflegemanager.

Der Asta hatte 2016 einen Offenen Brief geschrieben: Das Gedicht reproduziere „eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind“. Die Studenten bezogen sich auf die neben der Hochschule gelegene U-Bahnstation, den Platz vor der Hochschule. Frauen fühlten sich hier oft unwohl, Station und Platz seien vor allem zu späterer Stunde männlich dominiert. „Dieses Gedicht dabei anzuschauen, wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.“

Eine Entscheidung gegen die Kunst

Welcher Text von Barbara Köhler die Fassade ab Herbst 2018 ziert, wurde nicht bekanntgegeben. Die Lyrikerin hatte der ASH bei einer Podiumsdiskussion im November angeboten, ihr eines ihrer Gedichte zu schenken. „Ich möchte meinen Vorschlag als etwas verstanden wissen, das neben das demokratische Prozedere die Kunst setzt“, sagte sie. Was damals wie eine ironische Spitze gegen ein demokratisches Verfahren mit dem Ziel der Tilgung eines Gedichts wirkte, war wohl erschreckenderweise ernst gemeint.

Die Entscheidung der Alice-Salomon-Hochschule ist keine Entscheidung für die Kunst, es ist eine nicht nachvollziehbare Ermächtigung von Menschen, die alles auf sich beziehen, denen eine Assoziation genügt, um etwas unter Diskriminierungsverdacht zu stellen.

Im Licht der #MeToo-Debatte erscheint einem das Austragen des Machtkampfs zwischen den Geschlechtern anhand eines Gedichts noch absurder. Die Entscheidung ist keine für die Kunst, es ist eine gegen die Kunst, die doch eine Tochter der Freiheit ist.