Berlin-Mitte - Proteste gehören offensichtlich dazu, wenn Google in Berlin etwas vorhat. Auch als am Dienstagabend das neue Büro des Giganten aus dem Silicon Valley an der Museumsinsel feierlich eröffnet wurde, versammelten sich Demonstranten vor dem Gebäude. Und weckten Erinnerungen: Nach massivem Widerstand hatte Google sich vor einigen Monaten gegen eine  Campus-Eröffnung in Kreuzberg entschieden.

An der feierlichen Eröffnung nahmen abends neben Konzernchef Sundar Pichai auch die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär (CSU), und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) teil. Tagsüber hatte Philipp Justus, Googles Vizepräsident für Zentraleuropa, in die neuen Büroräume geladen. Auch er sprach von „überraschend viel Kritik“, die das Campus-Projekt ausgelöst habe. Dann aber ging es um den neuen Standort.

Im repräsentativen Gebäude an der Spree werden ungefähr 130 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz finden, 300 können es werden. Damit bleibt Berlin deutlich hinter den 700 Mitarbeitern in der Deutschland-Zentrale in Hamburg und den 400 Kräften im Entwicklungszentrum in München zurück. 

Modernstes YouTube-Studio

In Berlin soll es um Fortbildung gehen, denn gemeinsam mit der Gewerkschaft Verdi und den Industrie- und Handelskammern aus Düsseldorf und München will das Unternehmen die digitale Kompetenz verbessern, dafür soll es ein Schulungszentrum geben. Die Hoffnung, dass Google Berlin als wichtigen Standort für die Forschung rund um Künstliche Intelligenz (KI) auswählen würde, wurde nicht bestätigt. In der Hauptstadt soll es zwar auch um KI gehen,  weiterhin bleibt der Fokus aber auf die Start-up-Szene gerichtet. Was dazukommt:  YouTube wird von Tempelhof nach Mitte ziehen, es soll das modernste Studio Europas werden. 

Was sich nach einem ersten Rundgang sagen lässt: Google hat ein repräsentatives Gebäude in der Mitte Berlins und ganz in der Nähe der Spree gefunden, eine spannende Mischung auf denkmalgeschützter Architektur von Martin Gropius und modernem Großstadt-Design. Kann gut sein, dass die Mitarbeiter sich wohlfühlen, wenn sie im Treppenhaus auf das Bode-Museum blicken können. In den Stockwerken gibt es Büros in verschiedenen Größen, Bereiche zum Telefonieren, zum Nachdenken und gut ausgestattete Küchenzeilen zum Erholen. Wer anspruchsvoll ist, kann sich seinen Cappuccino auch von einer professionellen Barista  zubereiten lassen.

Die Wände sind mit poppigen Plakaten oder Reliefs gestaltet, auch das Berliner Grafik-Design-Studio Slang ist mit einem anspruchsvollem Spree-Projekt vertreten. Wer zwischendurch Entspannung braucht, kann eine Massage buchen. Der Service ist zwar nicht kostenlos. Wer aber einige Zeit beim Unternehmen gearbeitet hat, wird mit Bonuspunkten verwöhnt, die er auch auf diese Weise einlösen kann.

Google hat einen guten Grund, seine Mitarbeiter zu verwöhnen, denn auf dem Arbeitsmarkt sind Talente aus der Tech-Branche sehr begehrt.  Ein Ingenieur erhält im Silicon Valley  etwa 100.000 Dollar als Einstiegsgehalt, die Gehaltsspirale ist nach oben offen. Auch deshalb fahnden Google und die anderen großen Tech-Unternehmen aus den USA weltweit nach talentierten  Arbeitskräften, die am Anfang vielleicht nicht ganz so viel Geld erwarten. Sie suchen auch nach  günstigeren Standorten, das Silicon Valley bleibt die Zentrale, aber alternative Standorte in aller Welt sind eine wichtige Sache geworden. 

Auf die Frage, was Berlin tun müsse, um im diesem globalen Wettbewerb mithalten zu können,  nannte Justus drei Punkte: Talente ausbilden, Talente aus aller Welt in die Stadt locken und bezahlbaren Wohnraum garantieren. In der vergangenen Jahren waren das drei Kriterien, die die Hauptstadt leicht erfüllte. Justus stellte aber fest: „Berlin war eine günstige Hauptstadt, aber das ist nicht mehr so.“

Frage nach dem Morgenritual

Um die Suche nach Talenten kümmerte sich Sundar Pichai an diesem Tag selbst. Schon am Morgen sprach er vor rund 1200 Studenten im Audimax der TU, indem er ihre Fragen beantwortete. Dabei ging es um so banale Sachen wie die Morgenroutine, aber die Studenten wollten auch wissen, wie er bei der täglichen Arbeit den Überblick behält und wie sich Künstliche Intelligenz weiterentwickeln wird.

Warum die Menschen in Kreuzberg so skeptisch gegenüber Google sind und auch am Abend wieder protestierten, machte eine Nachricht aus Frankreich deutlich. Dort muss das Unternehmen 50 Millionen Euro Strafe zahlen, weil die Datenschutzbehörde CNIL Verstöße gegen die seit Ende Mai 2018 geltende Datenschutz-Grundverordnung festgestellt hatte. Und was er von einer Digitalsteuer halte, die der EU-Politiker Manfred Weber (CSU) gefordert hatte, wurde Justus auch noch gefragt. Seine Antwort: Nichts, denn in Zukunft werde doch jedes Unternehmen ein Digitalunternehmen sein.