Gottesdienst in Corona-Zeiten: Pfarrer Volker Steinhoff (71) und sein Nachfolger Vladimir Kmes (37) kurz vor der Video-Predigt.
Foto: Sabine Gudath

BerlinVom Kirchenleben bekommen die Nachbarn meist nur das Läuten der Glocken mit. Doch seit einigen Tagen ist zu sehen, dass sich in der Samariterkirche im Friedrichshain etwas geändert haben muss. Viele bunte Zettel hängen nebeneinander am Zaun. Auf jedem Zettel steht ein Buchstabe – zusammen ergeben sie das Wort „Spendenzaun“. Daneben hängen Beutel voller Äpfel oder Orangen, aber auch Tüten mit Brötchen und Kleidung.

„Das war eine Idee aus der Gemeinde“, erzählt der neue Pfarrer Vladimir Kmerc. „Wir wollen ja weiterhin helfen.“ Bislang gab es mittwochs im Gemeindesaal ein Asylcafé für Flüchtlinge und donnerstags ein Nachtcafé, bei dem Obdachlose Essen bekamen und dort schlafen durften. „Das ist in Coronazeiten nicht mehr erlaubt“, sagt der 37-Jährige. Das Problem sei, dass viele von denen, die helfen, bereits älter sind und zur Corona-Risikogruppe zählen. „Deshalb mussten wir andere Wege finden, um denen, die Hilfe benötigen, weiterhin beizustehen.“

Äpfel und tröstende Worte

Mal geht es um einen Apfel, mal um ein Wort oder Trost. Und so hängen neben der Kirchenpforte noch andere Zettel mit der Aufschrift „Segen zum Mitnehmen“. Unten am Blatt sind kleine Abschnitte zum Abreißen, so wie bei den Wohnungssuchenden die Telefonnummern. Auf den Zetteln steht „So segne dich Gott … deine Leidenschaft und deine Müdigkeit … dein Tun und dein Lassen.“

Der Spendenzaun an der Samariterkirche.
Foto: Sabine Gudath

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt sich auch an Pfarrer Kmerc. Erst seit kurzem ist er der neue Pfarrer der Gemeinde und sollte am 15. März mit einem Gottesdienst eingeführt werden. „Doch am Tag davor wurde entschieden, dass keine Gottesdienste mehr stattfinden dürfen“, sagt der gebürtige Slowake, der einige interessante Lebensstationen absolviert hat: Theologiestudium, Studium der Friedensforschung in Dublin, anschließend hat er promoviert, für die Vereinten Nationen gearbeitet und an der Uni gelehrt. Seine Stationen waren England, Irland, Niederlande.

Erstmals ist sogar der Petersdom in Rom geschlossen

Seit zwei Jahren ist er in Deutschland und war bislang Pfarrer in Berlin-Spandau. Im April will er eigentlich in die Pfarrwohnung in Friedrichshain ziehen. „Aber ob das klappt, weiß ich nicht.“

Nun geht es darum, für die Gläubigen und Hilfesuchenden da zu sein, ohne sich und andere zu gefährden. Denn die Gotteshäuser sind verschlossen. „Das ist sehr ungewöhnlich“, sagt er. „Eigentlich sollten Kirchen gerade in Zeiten großer Not allen offenstehen.“

Das Verbot gilt nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern, selbst in Rom ist der Petersdom geschlossen, zum allerersten Mal in seiner Geschichte. Das, was Corona 2020 geschafft hat, schaffte nicht mal die Pest im Mittelalter.

Nur ein kurzes Gebet am Grab ist erlaubt

Der evangelisch Pfarrer Vladimir Kmerc erzählt, dass sich vieles geändert hat. Viele seien verzweifelt, suchen die Nähe, dürften aber nicht persönlich zum Pfarrer. Nun geschehe vieles übers Telefon. „Meine Rolle ist nun die des Zuhörers, um zu zeigen: Wir sind für euch da.“

Es gibt auch tieftraurige Situationen, die nun noch härter sind. So durfte bei einer Beerdigung niemand in die Kirche oder Trauerhalle. „Nur ganz wenige Angehörigen durften ans Grab, wir mussten viel Abstand halten, und ich durfte nur ein kurzes Gebet sprechen.“ Es sei hart für die Hinterbliebenen, wenn nicht alle zum Abschiednehmen ans Grab dürfen.

In Friedrichshain arbeiten nun alle Kirchgemeinden zusammen. So gibt es in der Auferstehungskirche in der Friedensstraße jeden Tag um 12 Uhr eine Andacht und um 18 Uhr eine in der Samariterkirche. Wer will, kann sich vorher an der Kirchentür eine Karte nehmen und sein Anliegen aufschreiben. „Die Karten nehmen wir mit in die Kirche und beten für diese Anliegen“, sagt Pfarrer Volker Steinhoff, der Vorgänger von Kmerc.

Religion als Grundversorgung

Der gebürtige Westfale kam 1977 nach Berlin, arbeitete bei der Stadtmission und später als Pfarrer in Kreuzberg. Der 71-Jährige ist seit sechs Jahren in Rente, hat aber inzwischen in fünf Gemeinden als Pfarrer ausgeholfen oder macht auch Andachten im Dom. „Ich bin Pfarrer mit Leidenschaft und will das Evangelium so lange wie möglich verkünden.“ Er stellt sich durchaus die Frage, ob es richtig ist, dass die Kirchen geschlossen sind. „Denn es gehört zur Grundversorgung, sich um die Seele der Menschen zu kümmern.“

Aber da es nun mal so ist, schreitet er im großen Gotteshaus in einen kleineren Nebenraum. „Wir nennen es unsere Winterkirche“, sagt er. Hier wird er nun einen Gottesdienst abhalten. Der kleine Raum wäre sonst mit 30 Gläubigen gut gefüllt, doch nun ist er ziemlich leer.

Spenden vor der Tür der Samariterkirche.
Foto: Sabine Gudath

Pfarrer Kmerc baut vor dem Altar einen Laptop auf, um den Gottesdienst fürs Internet aufzuzeichnen. Am Ende des Raumes sitzt ein Organist an der Orgel und in den leeren Reihen eine Frau, die singen wird. Über ihnen läuten nun die Glocken. Ein Mann schließt noch schnell die Tür ab, damit nicht doch noch jemand hereinkommt.

Pandemie als Strafe Gottes?

Steinhoff erzählt, dass es Gläubige gibt, die die Pandemie als Strafe sehen. „Es ist unglaublich, aber etliche Evangelikale in den USA glauben, es sei eine Rache Gottes dafür, dass es Schwule und Lesben gibt.“ Er sehe die Krise als eine Zeit der Besinnung. „Wir können nun sehen, was wesentlich ist, weil wir uns im Wichtigen verlieren.“ Es sei eine Zeit des Leidens, der Passion. „Darauf sollten wir mit Leidenschaft reagieren, was wir im Englischen auch als Passion bezeichnen.“ Seine Predigt hat die Botschaft, dass sich die Leute bei aller Angst den anderen zuwenden sollen.

Der neue Pfarrer, Vladimir Kmerc, erzählt, dass nun alle einen Lernprozess durchlebten, denn eigentlich sei die Kirche ein Ort, in dem die Leute ihren Glauben in der Gemeinschaft feiern. Gottesdienste seien aber nicht mehr erlaubt. „Nun geht es darum, Wege zu finden, die individuelle Spiritualität zu stärken.“

Ein Licht im Fenster

Und es stehe eine schwere Zeit an – Ostern. „Das Fest ist für Christen wichtiger als Weihnachten“, sagt er. Nun tüfteln sie, wie sie ohne Gottesdienst feiern können. Kmerc erzählt eine biblische Geschichte, in der zwei Jünger einst gemeinsam in den Ort Emmaus liefen und unverhofft dem auferstandenen Jesus begegneten. „Nun ist die Idee, dass die Gläubigen am Ostermontag statt des Gottesdienstes gemeinsam wie die beiden einen Spaziergang machen. Das ist erlaubt. Dann können sie gemeinsam meditieren.“

Irgendwann ist dieser Gottesdienst ohne Gläubige zu Ende und die Kirche leer. Der Altar in der kleinen Apsis steht am Fenster, und jemand aus der Gemeinde kam auf die Idee, das Kreuz nun Tag und Nacht anzuleuchten. Als ein Zeichen: Die Kirche muss zwar geschlossen bleiben, aber bei Gott brennt immer Licht.