In der Herberge ist ein Zimmer frei - doch nicht alle Gäste dürfen kommen. 
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Swen Pförtner

Die zweite Welle umspült uns und trägt neue Vokabeln heran. Nachdem sich unsere Münder an den täglichen Gebrauch der Begriffe „Abstand“, „Mundschutz“, „Kontaktdaten“ und „Infektionszahlen“ gewöhnt haben, haben wir jetzt das „Risikogebiet“ auf den Lippen. Es ist der Ort, an dem wir leben. Ein Wort, das ich aus der Kriegsberichterstattung kenne, vielleicht noch aus München und Großbritannien. „Grenzkontrollen“ werden noch nicht durchgeführt, wohl aber herrscht vielerorts ein „Beherbergungsverbot“.

Es untersagt uns, an Orten zu übernachten, die außerhalb unseres Risikogebietes liegen, also überall außer Berlin. „Denn sie hatten keinen Raum in der Herberge“, schreibt eine Freundin, und das geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wir mussten nicht umkehren, nicht weitersuchen, nicht an fremde Türen klopfen. Wir waren informiert, wir haben storniert. Wir wussten, wie bekommen keinen Raum in der Herberge, die uns, denn Gastfreundschaft ist ihr Gewerbe, gerne aufgenommen hätte. Jeden würde sie aufnehmen, egal, woher er oder sie kommt, Buchung vorausgesetzt. Wie abwegig war der Gedanke noch vor wenigen Monaten, die Gastfreundschaft auf Gäste mit der richtigen Postleitzahl zu beschränken. Eine Herberge mit Bedingungen zu sein. Fürwahr, wir leben in gottlosen Zeiten.

Ich schreibe diese Begriffe, „Beherbergungsverbot“ und „Risikogebiet“ in meiner Mail und meine Finger finden die Tasten ganz von selbst. Ersteres kennt der Autokorrektor noch nicht, beschwert sich in Form einer geringelten roten Linie, den guten alten Zeiten verhaftet. Er wird lernen wie wir, die wir die neuen Wörter im Mund führen, als hätten wir das schon immer getan, im Mund hinter der Maske, die wir tragen wie Rock und Stiefel. Ich ende mit meiner üblich gewordenen, doch ernst gemeinten Floskel „Bleiben Sie zuversichtlich“ und finde die Mail ganz schön persönlich geraten. Trotz des „Sehr geehrte Damen und Herren“ zu Beginn. Ich kann und will mich aber nicht daran stoßen.

So auch während des Telefonats, das der Mail vorausgegangen war. Die reizende Rezeptionistin war im Bilde, reagierte gelassen und kundig, lächelte meine Flüche weg und fand Worte des Bedauerns. Ich versicherte ihr, dass wir dann eben im November kommen oder im Januar, wenn wir wieder dürfen. „Wenn wir wieder dürfen.“ Eine Formel, ein Mantra, es ersetzt bisweilen das „Bleiben Sie gesund“ am Ende von E-Mails.

Gerade kommt wieder eine Absage. Wir werden uns zum Abendessen zusammenfinden, wenn alles entspannter ist. Wenn wir wieder dürfen. Wir sagen das und schreiben das, als ob es völlig normal ist, dass man jenseits des Strafgesetzbuches Dinge nicht darf.

Von der netten Rezeptionistin kommt sogar eine Antwort. Sie wünscht uns einen schönen Herbst, trotz allem, und freut sich auf unseren Besuch im Irgendwann. Das schreibt sie nicht so, aber hätte sie es getan, ich hätte mich nicht gewundert. Wir schreiben anders. Wir sprechen anders. Womöglich schweigen wir sogar anders.