Das Grabungsfeld zwischen Park Inn Hotel und Alexanderstraße. Ein Archäologe dokumentiert Gräber des Friedhofs der St. Marien- und Nikolaigemeinde. Die Mauerreste vor den Gräbern und neben dem Schirm gehören zum Fundament einer Exerzierhalle
Foto: ADB Dressler

BerlinEin ländlicher Ort vor der Stadtmauer, wo die Bauern und Kaufleute über alte Straßen aus dem Norden und Osten, aus Prenzlau oder Frankfurt an der Oder ankamen – das war der Platz vor dem Stadttor, der seit 1805 nach dem russischen Zaren Alexander heißt. Der älteste Plan von Berlin zeigt um 1652 die Gegend vor dem damaligen Georgentor unbebaut. Unbenutzt lag er allerdings nicht da. Vieh-, und Lebensmittelhändler tummelten sich vor dem wichtigsten Zugang zur Stadt. In Sichtweite stand der Galgen.

Vor dem Tor dehnten sich Friedhöfe aus. Die mittelalterlichen Begräbnisstätten der beiden großen Kirchen St. Nikolai und St. Marien waren um 1700 gefüllt; eine Königsorder verfügte für neue Totenstätten die Platzierung vor der Stadt.

Als die Archäologen um Torsten Dressler Ende September 2019 neue Grabungen zwischen Park Inn Hotel und Alexanderstraße begannen, wussten sie ungefähr, was sie erwartete. Doch Neuigkeiten und Überraschungen gibt es immer wieder – selbst im Untergrund des im Laufe der vergangenen zwei Jahrhunderte immer wieder umgewühlten und umgebauten Alexanderplatzes. Vor allem die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und die folgenden groben Eingriffe durch die DDR-Bauplaner haben das Gesicht des Ortes bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Keine Spur mehr von der Alten Schützenstraße oder jenem Teil der Keibelstraße, der sie kreuzte. Will man sich ein Bild verschaffen von der Lage zu Zeiten der wachsenden preußischen Königsstadt vor dem Königstor, wie es nach 1701 hieß, müssen alte Karten her und der Blick in den Untergrund.

Das jüngste archäologische Grabungsfeld liegt an der Alten Schützenstraße 2 und ist recht übersichtlich. Dass es geöffnet werden konnte, liegt an den Vorbereitungen für den Bau eines 130 Meter aufragenden Hochhauses durch das europäische Immobilienunternehmen Covivio zwischen Park Inn und Saturn – dort, wo einst die Alex-Oase Drinks anbot.

Übereinander geschichtete Gräber zeigen den Platzmangel

Zwei Hauptfunde – 35 Gräber und Fundamentreste der Exerzierhalle, die vom Architekten und Geheimen Oberbaurat David Gilly für militärische Übungen erbaut wurde – erzählen nun ihre Geschichten: Die eine handelt vom Beginn des Wachstums der Residenzstadt, die andere von der Neigung der Preußenkönige zum Militärischen.

Die Gräber liegen am Rand des zwischen 1708 und 1802 genutzten Friedhofs der Gemeinde St. Nikolai und St. Marien. Dass sie zum Teil in Reihe angeordnet sind, deutet bereits auf den Zwang zum Platzsparen hin, sagt der Archäologe Torsten Dressler, der die Grabung als Projektleiter betreut. Noch deutlicher zeigen übereinander geschichtete Gräber den Platzmangel. Etwa 55 000 Menschen hatten 1710 in Berlin und Cölln gelebt, 90 Jahre später waren es mehr als 170 000. Da waren auch die neuen Friedhöfe zu klein geworden, die nächsten legte man weiter außerhalb an, an der Landsberger und der Prenzlauer Allee beispielsweise.

Die hölzernen Särge der jetzt gefundenen Gräber sind vergangen, nur noch dünne schwarze Bänder im hellen Sand sind geblieben. Die Knochen wurden geborgen. Ein Teil wird wieder beigesetzt, nachdem alle anthropologisch untersucht worden sind.   Mit diesen Erkenntnissen wird man das Wissen über die Lebensumstände der Berliner jener Zeit ergänzen können. Vieles weiß man schon aus der Analyse von knapp tausend Skeletten, die gleich nebenan 2007 bis 2011 vor dem Bau der Tiefgarage unter der Alexanderstraße vom Archäologiebüro ABD-Dressler geborgen wurden. Infektions- und Mangelkrankheiten sowie üble hygienische Umstände trieben die Kindersterblichkeit in die Höhe. Die mittlere Lebenserwartung lag bei 25 bis 30 Jahren. Die Menschen litten an Anämie, Arthrose, Karies und Zahnausfall. Hinzu kamen die Folgen der Kriege, die Friedrich der Große mit Energie betrieb.

Zur Markthalle "Kleine Alexhalle" umfunktioniert

Die jetzt freigelegten Fundamente einer Exerzierhalle stammen aus jener Zeit – der erste derartige Bau an dieser Stelle wurde 1769 errichtet, als Preußen sich nach dem Siebenjährigen Krieg stabilisierte. Für die Halle ließ der Alte Fritz einen Teil der Gräber plattmachen oder überbauen; auf Proteste der Kirchgemeinde reagierte er spitz: Wenn die Soldaten dort übten, hätten die Toten doch Geselligkeit …

Auf den Grundmauern der ersten Halle errichtete David Gilly 1799 bis 1800 ein fast 80 Meter langes und knapp 17 Meter breites Bauwerk für das Militär: „Ein echtes architektonisches Highlight der Zeit“, sagt Torsten Dressler. Gerne würde er den mit jüngerem Ziegelwerk verblendeten Kalksteinsockel als südliche Begrenzung, also zur Alexseite hin, näher erkunden, um die originalen Ausmaße präzise bestimmen zu können.

150 Jahre lang stand die Halle und prägte neben dem sandigen, ebenfalls zum Exerzieren gedachten Paradeplatz vor dem Königstor den Militärcharakter des Platzes mit. Anfang des 20. Jahrhunderts brauchte keiner mehr eine Reit- und Exerzierhalle, Gillys Bau wurde zur Markthalle umfunktioniert und erlangt als Kleine Alexhalle große Beliebtheit. Unerwartet fanden sich unter deren Boden gemauerte Keller. Grabungsleiterin Diana Megel sagt: „Die stammen offenbar aus der Zeit der Nutzung als Markthalle.“

Die Grube am Alexanderplatz wird wieder zugeschüttet

Der Auftraggeber der Grabungen und Bauherr des gemischt genutzten Turmprojekts (Büro, Wohnen, Einzelhandel, Kita, Club) mit öffentlich zugängigem Sockel sieht die Arbeit der Archäologen wohlwollend gelassen. Norman Weichhardt, Head of Development Covivio Deutschland, ist zufrieden, dass diese Arbeiten rechtzeitig und geordnet stattfinden. „Nichts ist wäre schlimmer als Überraschungen während des Baus, die zu teuren Verzögerungen führen können“, sagt er.

Womöglich werden die archäologischen Funde die Ausgestaltung des neuen Hochhauses sogar bereichern. Der Bauherr prüft jedenfalls, ob es Verweise auf die Vornutzung des Terrains geben könnte, eine historische Linie vom Alten zum Neuen. „Für den öffentlich zugänglichen Gewerbebereich bietet sich zum Beispiel die Markthalle an“, findet Norman Weichhardt.

Ab diesem Montag wird die Grube wieder zugeschüttet – bis auf weiteres. Das nächste Forschungsfeld betrifft den zweiten Abschnitt des Baustellenareals neben dem Park Inn. Dort war 1884 das Grand-Hôtel Alexanderplatz erbaut worden. Das Hotel schloss 1919, andere nutzten das Bauwerk, bis eine Bombe es 1943 zerstörte. Das neue Grabungsfeld wird dann auch ein Gelände mit Wohnbebauung samt Innenhöfen umfassen. Vielleicht, so hoffen die Archäologen, kann man dort tiefer, bis in mittelalterliche oder gar ältere Schichten vorstoßen.