Siebtklässlerin Vivienne macht es viel Spaß, in der neuen Bäckerei der Schule Brötchen, Waffeln und auch einen Kuchen zu backen. „Wir verkaufen das dann in den Pausen für wenig Geld“, sagt sie. „Die Mitschüler mögen das.“ 85000 Euro hat diese Bäckereianlage mit Edelstahlbeschlag und einer Arbeitsplatte aus Marmor gekostet, die den ganzen Klassenraum ausfüllt und zuvor von der Bäckereikette Thürmann genutzt wurde. Die Schule finanziert das Projekt vor allem aus EU-Mitteln. „Beim Backen machen wir auch Mathe“, sagt Jasmine. Die Schüler berechnen zum Beispiel, wie viel Zucker zum Teig hinzugefügt werden muss.

In der Graefe-Sekundarschule gibt es zudem eine Textilwerkstatt mit Nähmaschinen. Schülerinnen dürfen besonders gelungene Kleider mit nach Hause nehmen. Das kommt an. Und in der Holzwerkstatt lernen die Schüler unter Anleitung eines gelernten Tischlermeisters, Vogelhäuschen herzustellen.

Dem neuen Schulleiter Guido Schulz ist es wichtig, die Schüler spüren zu lassen, dass ihre Arbeit geachtet wird. Schulz leitet eine Schule, die noch vor kurzem im Ruf stand, vor dem Scheitern zu stehen. An der einstigen Hauptschule meldeten sich immer weniger Schüler an, 96 Prozent der Schülerschaft haben ausländische Wurzeln, meist kommen sie aus türkischen oder arabischen Familien. „Ich wünschte mir mehr kulturelle Vielfalt, so wie im umliegenden Kiez“, sagt Schulz.

Vier Millionen Euro

Die Schule gehört zu den zehn Berliner Bildungseinrichtungen, die in einem Programm der Robert-Bosch-Stiftung mit Hilfe externer Berater wieder attraktiv gemacht werden sollen. Noch ist es so, dass viele Eltern im mittlerweile hippen Graefekiez mit seinen Kaffeeläden und dem Lakritzshop einen weiten Bogen um die Kreuzberger Sekundarschulen machen. Lieber schicken sie ihre Kinder an Sekundarschulen mit eigener gymnasialer Oberstufe nach Friedrichshain oder Schöneberg.

Doch nun versucht der Bezirk, diese Kreuzberger Schulen zu stärken. Allein in die Sanierung der Graefe-Sekundarschule in denkmalgeschützten Backsteinbauten fließen vier Millionen Euro. Die Aula und verschiedene Werkstätten sind wieder hergerichtet, die Räume hell gestrichen. Mit dem Bonusprogramm des Senats konnte eine Lernwerkstatt finanziert werden.

Um den Aufbruch deutlich zu machen, haben sich Lehrer, Eltern und Schüler nun offiziell den neuen Namen Albrecht-von-Graefe-Schule gegeben. Der Mediziner aus dem 19. Jahrhundert gilt als Begründer der modernen Augenheilkunde und soll das naturwissenschaftliche Profil der Schule betonen. Die Schüler hatten sich indes mehrheitlich für den zum Islam konvertierten US-Boxchampion Muhammad Ali ausgesprochen, ein Teil der Lehrer hatte hingegen für den verstorbenen Sänger Rio Reiser, Kopf der Politrockband Ton Steine Scherben, votiert.

Die Pädagogen sind in den vergangenen Jahren nahezu komplett ausgetauscht worden. Mit einem Altersdurchschnitt von ungefähr 35 Jahren habe er wahrscheinlich das jüngste Lehrerkollegium in ganz Berlin, betont der Schulleiter. „Die Lehrer meckern hier nicht, sondern gehen Probleme an“, sagt auch Marina Belicke, die Schulamtsleiterin des Bezirks, die den Wandel der Schule begleitet. Alle haben sich gerade freiwillig für eine Fortbildung gemeldet. Es soll darum gehen, wie Schüler besser mit ihren Eigenheiten gefördert werden können.

Eltern stellen die Gretchenfrage

In diesen Tagen bei den Oberschulanmeldungen wird sich zeigen, ob wieder mehr Eltern ihre Kinder hier anmelden werden. Schulleiter Schulz hofft darauf. Aber schon beim Tag der offenen Tür hat er wieder die Gretchenfrage gestellt bekommen, wie er sagt: Wird die Schule eine eigene gymnasiale Oberstufe bekommen? Kann mein Kind hier auch Abitur machen? Das haben viele eher bildungsbürgerliche Eltern gefragt. Klar sagen konnte er dazu nichts.

Ihn wurmt es, dass die benachbarte Veseli-Sekundarschule nun erstmals im Kreuzberger SO36-Kiez ab 2017 eine eigene gymnasiale Oberstufe genehmigt bekommen hat. „Das ist für unsere Schule eher schädlich“, sagt er. Allerdings plant man in der Bildungsverwaltung derzeit, weitere Sekundarschulen mit eigenen Oberstufen auszustatten. Für die Graefe-Schule ist eine Kooperation mit dem nahen Hesse-Gymnasium im Gespräch. Eine eigene Aufbauklasse soll leistungsstarke Sekundarschüler dann binnen eines Jahres fit machen, um am Gymnasium das Abitur zu machen.