Graffito ist nicht gleich Graffito. Da sind die unschönen Kritzeleien und illegale Sachbeschädigungen, deren Entfernung BVG und Hausbesitzer jedes Jahr Millionen kostet. Und da sind die Kunstwerke, die Berlins Brandschutzmauern zieren, vermerkt in Reiseführern und vom Touristenmarketing der Stadt dafür genutzt, Berlin als Metropole urbaner Kunst zu bewerben.

In Kreuzberg ist nun seit einiger Zeit ein Sprayer aktiv, der in keine dieser Schubladen passen will. Er nennt sich Sozi36 und sprüht politische Parolen auf Sperrmüll. Mal wettert er gegen Trump, mal gegen Bushido, Gentrifizierung, Hipster oder die Polizei; mal räumt die BSR seine Werke nach wenigen Stunden wieder weg, mal liegen sie monatelang auf den Straßen herum. Wir haben den Aktivisten getroffen und ihn zu seiner eigenwilligen Kunstform befragt.

Warum machen Sie das?

Politiker können ihre Meinung öffentlich machen, die Industrie nutzt Werbung, meine Position aber ist nicht präsent. Die Leute sollten viel mehr darüber streiten, was richtig, was falsch ist, um herauszufinden, wie wir die Gesellschaft nach vorne bringen können.

“Eure westlichen Werte liegen auf dem Grund des Mittelmeers.” Mit solchen Botschaften provozieren Sie. Was haben Sie davon, wenn sich die Leute über das, was Sie schreiben, ärgern?

Ich versuche öfter, den Leuten etwas vors Gesicht zu halten, was sie nicht sehen wollen. Eine Zeit lang hat die Polizei jeden Tag Razzien im Görlitzer Park gemacht. Ich habe dann gefragt: “Schmeckt dir dein Latte, während nebenan Jagd auf Schwarze gemacht wird?” Ich könnte einfach immer nur gegen Trump wettern oder gegen Gentrifizierung. Das mögen alle nicht. Aber das kostet keinen Mumm.

Wie reagieren die Leute auf Ihre Botschaften?

Ich stoße die Leute vor den Kopf, treffe sie da, wo es wehtut, dann entwickeln sie Gefühle und das fördert wiederum Kommunikation. Als ich während der US-Wahl etwas gegen Bernie Sanders geschrieben habe, kam ein Friseur aus dem Laden gerannt und hat mich mit der Schere bedroht, eine amerikanische Joggerin blieb stehen und beschimpfte mich. Aber meistens ist das Feedback positiv. Leute sprechen mich an: Ich finde das gut, was du machst! Dann kommen wir ins Gespräch. Auf dem Kinderbauernhof im Görlitzer Park schreiben Kids meinen Namen an die Wände. 

Und das gefällt Ihnen?

Mir ging es nie wesentlich darum, dass mich andere Sprüher wahrnehmen. Ich will, dass ganz normale Leute meinen Namen kennen. Das ist so ein Ego-Ding. Was ich mache, könnte jeder machen. Macht aber nicht jeder, sondern nur ich.

Sie haben Mitte der Neunziger angefangen, in Berlin zu sprühen. 

Es gab damals Namen, die kannte jedes Schulkind: Level im Westen und UTE im Osten. Die standen an jeder Ecke, an jedem Bahnhof. Das hat mich begeistert. Ich habe dann mit UTE zusammengesprüht, wir hatten immer etwas dabei.  Kratzstein, Edding, Sprühdose. Jeder kannte uns. Schulmädchen haben sich unsere Namen auf ihre Ranzen geschrieben. 

Sprayer wie "1Up" hinterlassen ihre Zeichen meterhoch auf Häuserdächern, die Gruppe Berlin Kids seilt sich an Brandschutzwänden ab und malt dort riesige Schriftzüge. Was war Ihr Markenzeichen?

Ich mag interessante Spots. Wenn man in Moabit aus der U-Haft entlassen wird, ist da dieser Raum, wo man seine Sachen wiederbekommt, durch den alle Verbrecher gehen müssen. Da war ich, mit dem Edding, den sie mir weggenommen haben, als ich eingefahren bin, und habe meinen Namen hinterlassen. Das ist cool. Jeder konnte ihn dort lesen. Das ist eine Art Austausch. 

Sie haben zehn Jahre lang nichts gemacht. Warum?

Ich hatte viel Stress mit der Polizei und war nicht bereit, dafür in den Knast zu gehen. Das war es mir nicht wert. Also habe ich es erst mal gelassen. Irgendwann kommt dann auf einmal die Frage: Wo ist meine Jugend hin? Jemand hat mir einen Edding geschenkt, und ich habe wieder angefangen, rumzuschmieren. Und solang ich auf die Sachen von der Strasse male, ist es für mich stressfreier und ich kann mich besser auf die eigentliche Arbeit konzentrieren.

Es ist viel passiert, seit Sie angefangen haben. In Kreuzberg gibt es mittlerweile Graffiti-Stadtführungen. Wie subversiv ist das überhaupt noch, was Sie machen?

Mir hat mal eine Stadtführungsgruppe dabei zugesehen, wie ich gerade gesprüht habe: "Street art tours are like Ghetto Zoo" Der Guide wollte mich dann gleich einbinden. Das ist Berlin 2017, du kritisierst etwas und andere machen da gleich ein Geschäft draus. Manchmal sind Sachen halt widersprüchlich, ich kann das nicht auflösen. Ich kann nur weiter Leuten ans Bein pissen, unbequem sein und mich einfach nicht einreihen.

Interview: Anne Lena Mösken