Im Jobcenter machte man ihr wenig Hoffnung. Sie sei ja älter als 50 und damit schwer vermittelbar, hieß es. Das war 2014. Anke Schiemann war 51 Jahre alt. Sie hatte ihren Job im Ticketverkauf für die Reichstagskuppel verloren, ihr Vater war an einem Gehirntumor verstorben. Sie fühlte sich ausgebrannt und in einer Sackgasse. Andere hätten vielleicht aufgegeben. Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern aus Hohenschönhausen dagegen verordnete sich eine Auszeit. Sie bewarb sich als Granny Au-pair bei einer deutschen Familie in den USA. „Ich brauchte einfach neue Impulse“, sagt sie.

Viele gehen in die USA

Marianne Vossoug, Lehrerin aus Charlottenburg, war gerade in den Ruhestand gegangen, als sie sich bewarb. Ebenfalls als Leihoma, wie die Granny Au-pairs auch genannt werden, ebenfalls für drei Monate bei einer deutschen Familie in den USA. Ihr Ziel war ganz klar: „Ich wollte mein Englisch verbessern.“

Für beide Frauen war es der Auftakt zu einer ganz besonderen Erfahrung. Anke Schiemann war in New Jersey, Marianne Vossoug in Kalifornien. Beide kommen ins Schwärmen, wenn sie davon erzählen. „Die Familie war toll“, erzählt Marianne Vossoug. Anke Schiemann sagt: „Ich würde es sofort wieder tun.“

Lange Jahre waren es nur junge Frauen, die als Au-pair ins Ausland gingen, in einer Familie mithalfen und so Erfahrungen in einem fremden Land sammelten. Das hat sich geändert. Immer mehr ältere Frauen machen es ihnen nach. „Oft sind es Frauen, die Kinder großgezogen haben, die ein Sabbatical machen oder schon in Rente sind“, sagt Michaela Hansen, die seit 2010 das Online-Portal Granny Aupair betreibt. Rund 1000 „Grannies“ hat sie bisher vermittelt. Andere Agenturen haben den Markt ebenfalls erkannt.

Die jüngste „Leihoma“ bei Granny Aupair war Anfang 40, die älteste 78 Jahre alt. Die Erfahrung der älteren Frauen werde sehr geschätzt, sagt Michael Hansen. Die meisten gingen für drei bis sechs Monate ins Ausland. Australien sei beliebt, aber auch auf die Kaimaninseln, nach Russland, Malaysia und Tansania sind schon Grannies gereist. Besonders viele Frauen gehen in die USA.

Auch Anke Schiemann und Marianne Vossoug wollten in die Staaten. Schon wegen der Sprache. Ihre Männer unterstützten sie. Die Vermittlung über Granny Aupair habe schnell geklappt, erzählen beide. Details des Aufenthalts regeln Grannies und Familien untereinander. In der Regel, sagt Michaela Hansen, seien Kost und Logis frei. Es gehe nicht darum, Geld zu verdienen. „Wir sehen das vor allem als kulturellen Austausch.“

Wer als Granny zu einer Familie geht, sollte nicht erwarten, dass alles nach den eigenen Vorstellungen abläuft. Gerade in punkto Kindererziehung und Ordnung gebe es oft unterschiedliche Auffassungen, sagt Michaela Hansen. Umgekehrt müssten die Familien wissen, dass Grannies keine billigen Haushaltshilfen seien. Wenn das Zusammenleben nicht klappt, könne man jederzeit nach Hause fahren, sagt Hansen. „Aber das kommt wirklich sehr selten vor.“

Marianne Vossoug hatte es in Kalifornien besonders luxuriös. Ihre Gastfamilie stellte ihr ein kleines Häuschen und ein Auto zur Verfügung. Das Paar mit vier Kindern im Alter zwischen zwei und 10 Jahren wohnte im Haus nebenan. Für die Kids war sie schnell „Omijanni“, kurz für „Oma Marianne“, erzählt die 68-Jährige. Sie las ihnen vor, bereitete die Lunchboxen für die Schule vor und fuhr sie zu ihren Terminen: Schwimmen, Tennis, Hip-Hop, Karate. Über die vielen Aktivitäten habe sie anfangs gestaunt, sagt Vossoug, die zwei erwachsene Söhne hat. „Hier denkt man ja, die Kinder brauchen doch mal Ruhe.“ Aber in den USA sei das anders.

Echte Freundschaft

Ein bisschen schade sei gewesen, dass sie kaum Englisch gesprochen habe, sagt Marianne Vossoug. Die Gasteltern wollten, dass die Kinder zu Hause Deutsch sprechen, damit sie es nicht verlernen. Doch dafür habe alles andere gepasst. Zwischen ihr und der Familie habe sich eine echte Freundschaft entwickelt.

Auch Anke Schiemann ist ihre Gastfamilie ans Herz gewachsen: Clara, die damals zwei Jahre alt war, und die Eltern Sabine und Michael. Schon beim ersten Online-Kontakt sei ihr die Familie sympathisch gewesen, sagt Schiemann. Während sie in Berlin in einer Krise steckte, merkte sie, dass sie in New Jersey etwas Sinnvolles tun konnte. Sabine S. hatte eine Gehirntumor-Operation hinter sich und benötigte Unterstützung. „Ich wusste ja von meinem Vater, was das bedeutet“, sagt Anke Schiemann.

Kraft getankt

In ihrer Gastfamilie war die Berlinerin vieles zugleich: Leihoma für Clara, Freundin der Eltern „und auch Schutzengel für Sabine“, sagt Anke Schiemann. Dafür bekam sie viel zurück. Soweit es die Gesundheit von Sabine S. zuließ, unternahmen sie Ausflüge und machten Sport. „Sabines offensive Art und Weise mit der Krankheit umzugehen, hat mir sehr imponiert“, sagt die 52-Jährige. Anke Schiemann entdeckte Yoga für sich, stellte ihre Ernährung um, und merkte, wie es ihr selbst immer besserging. Sie fuhr nach New York und Washington, besuchte Konzerte.

Seit September ist sie zurück in Berlin und auf Jobsuche. Anke Schiemann, die eigentlich Diplom-Ingenieurin für Versorgungstechnik ist, macht sich keine Illusionen über den Arbeitsmarkt. Aber sie hat Kraft getankt und gelernt, auf sich selbst zu achten. Die Auszeit sei für sie das Richtige gewesen, sagt sie. „Genau das, was ich gebraucht habe.“