Berlin - In den roten Backsteingebäuden am Reinickendorfer Eichborndamm 179 sitzt in zwei Häusern eine Institution der deutschen Geschichte: Die Abteilung Personenbezogene Auskünfte zum Ersten und Zweiten Weltkrieg des Bundesarchivs - die frühere Wehrmachtsauskunftsstelle. Sie dient als Anlaufstelle für alle diejenigen, die sich über das Schicksal von Soldaten und Kriegsgefangenen informieren wollen. 1951 wurde die Arbeit in den Hallen aufgenommen. Damals noch von der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen Deutschen Wehrmacht. Doch nun, 70 Jahre später, muss die Dienststelle, die seit 2019 zum Bundesarchiv gehört, ausziehen.

Der Grund: Bei einer turnusmäßigen Prüfung der elektrischen Anlagen wurden „gravierende Mängel“ festgestellt, wie aus einem Bericht des Bundesfinanzministeriums an den Bundestags-Haushaltsausschuss hervorgeht. „Die Betriebssicherheit ist dauerhaft nicht mehr gewährleistet und eine Instandsetzung ist im laufenden Betrieb nicht realisierbar“, heißt es darin. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) habe deswegen empfohlen, aufgrund der bestehenden Gefahren den weiteren Dienstbetrieb auf dieser Liegenschaft „alsbald auszusetzen“.

Durch Notsicherungsmaßnahmen konnte dem Bericht zufolge zumindest ein zeitlich begrenztes „Mindestmaß an Sicherung der Arbeits- und Archivqualität geschaffen“ werden. An seinem jetzigen Standort kann die Abteilung jedoch nicht bleiben. Das Problem: Zwar plant das Bundesarchiv langfristig, alle Organisationseinheiten auf einem Areal an der Finckensteinallee in Lichterfelde zusammenzuziehen. Doch ist das derzeit „noch nicht umsetzbar“, wie es in dem Bericht heißt. Die Abteilung Personenbezogene Auskünfte zum Ersten und Zweiten Weltkrieg soll deswegen für die nächsten Jahre erstmal in einer Zwischenunterkunft am Borsigturm 130 in Tegel einquartiert werden.

Die Mehrkosten dafür belaufen sich laut Finanzministerium für die Zeit von 2023 bis 2038 auf rund 69 Millionen Euro. Als „unvorhergesehen“ bei der Aufstellung des Haushalts und zugleich „sachlich und zeitlich unabweisbar“ bezeichnet das Ministerium „das Bedürfnis“ nach der Mittelfreigabe für die nächsten Jahre. Denn am Eichborndamm könne „ein gefährdungsfreier Dienstbetrieb nicht mehr dauerhaft sichergestellt werden“. Der Mietvertrag für die Flächen am Borsigturm sollte deswegen abgeschlossen werden.

Die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch (Linke) kritisiert den Vorgang. „Ist es Arroganz oder Unfähigkeit?“ fragt sie. „Die fahrlässige Bauunterhaltung von Museen und Archiven ist immer wieder erschreckend. Müssen denn wirklich erst die Häuser kurz vor dem Zusammenbruch stehen, damit etwas passiert?“ Die Bundesregierung biete für viel Geld wieder einmal eine Zwischenlösung an. Die rund 70 Millionen Euro würden jedoch bei anderen Kulturinvestitionen fehlen. „Die Bundesregierung gibt Unsummen für ein Schloss aus und lässt gleichzeitig Kulturgüter verfallen. Das verdient nicht den Begriff Kulturpolitik“, kritisiert Lötzsch.

Im Haus von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sieht man sich nicht verantwortlich für etwaige Versäumnisse beim Bau-Unterhalt des Gebäudes, in dem die frühere Wehrmachtsauskunftsstelle untergebracht ist. Vor Übernahme durch das Bundesarchiv zum 1. Januar 2019 sei die Auskunftsstelle eine Behörde des Landes Berlin unter der Rechts- und Fachaufsicht der Senatsverwaltung für Soziales gewesen, teilte ein Sprecher mit. Der Vorwurf einer mangelnden Bau-Unterhaltung durch den Bund gehe „also fehl“. Ein solcher Mangel könnte, wenn überhaupt, nur dem Land Berlin angelastet werden.

Fest steht allerdings: Für viele Gebäude der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, darunter die staatlichen Museen und das Geheime Staatsarchiv, stand in den vergangenen Jahren nicht genug Geld zur Verfügung. Um das zu ändern, sollen künftig mehr Mittel in den Bau-Unterhalt fließen. Um den Instandhaltungsstau aufzulösen, sind nach Angaben aus dem vergangenen Jahr rund 250 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren nötig.

Der bisherige Sitz der Abteilung Personenbezogene Auskünfte zum Ersten und Zweiten Weltkrieg des Bundesarchivs befindet sich an geschichtsträchtiger Stelle: Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs residierte am Eichborndamm die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik (DWM). Der langfristig geplante Standort an der Finckensteinallee in Lichterfelde ist nicht minder geschichtsträchtig, wie das Bundesarchiv beschreibt. Dort entstand von 1873 bis 1878 die Preußische Hauptkadettenanstalt, in der meist mehr als 1000 Kadetten lebten. Nach dem ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag wurde die Hauptkadettenanstalt aufgelöst, die Räume wurden durch ein Gymnasium genutzt. Ende April 1933 übernahm die Leibstandarte SS Adolf Hitler die Kaserne, auf dessen Gelände es im Zuge des „Röhm-Putsches“ 1934 zu Erschießungen durch SS-Exekutionskommandos kam. Für die Leibstandarte entstanden zwischen 1937 und 1940 die Bauten an der Hauptfront zur Finckensteinallee.

Im Juli 1945 übernahmen amerikanische Besatzungssoldaten die Kaserne, die sie in Andrews Barracks umbenannten. Nach der Wiedervereinigung kam das Areal wieder zum Bund, der die Flächen für das Bundesarchiv nutzen will. Ein Magazingebäude wurde im Jahr 2010 fertiggestellt. In einem der historischen Gebäude wurden im Februar 2018 Büroräume bezogen. Ein weiteres Haus wird noch zu einem zentralen Benutzungsgebäude umgebaut. Wann die Abteilung Personenbezogene Auskünfte zum Ersten und Zweiten Weltkrieg nach Lichterfelde ziehen soll, ist noch offen. Zur zukünftigen Gestaltung der Liegenschaft des Bundesarchivs in Lichterfelde gibt es nach Aussagen aus dem Haus der Kulturstaatsministerin zwar Überlegungen, aber noch keine konkreten Planungen. Angaben zu Kosten, Bauzeit und der konkreten Unterbringung der Abteilung könnten deswegen zurzeit nicht gemacht werden, so ein Sprecher. Das Bundesarchiv hat allerdings einen Wunsch: „So schnell wie möglich.“