Jochen Arntz (rechts) und Elmar Jehn (links) führen ein Gespräch mit dem ehemaligen Politiker Gregor Gysi während einer Currywurst in Berlin
Foto: Paulus Ponizak 

Herr Gysi, in Ihren Adern fließt als Beimischung ja auch blaues Blut – Ihre Großmutter war eine geborene von Schwanebach. Nehmen Sie Anteil am erlauchten Leben und Treiben des heutigen Adels?

Komischerweise laden mich diese Kreise nicht ein. Ich befürchte, sie haben Recht. Beim Schreiben meiner Autobiografie wurde mir bewusst, wie unterschiedlich politisch und sozial meine Vorfahren waren, welch unterschiedlichen Schichten sie angehörten. Auf jeden Fall stellte ich fest, wie viele Leben es geben muss, bevor das eigene entsteht. Ich bin eine Mischung aus vielem, aber der Adelsanteil hält sich in deutlichen Grenzen.

Sie sind sicher im Bilde darüber, was im britischen Königshaus gerade wieder los ist. Haben Sie Verständnis dafür, dass Meghan und Harry sich ins kanadische Exil begeben wollen?

Vor dem Hintergrund der Umstände des Todes seiner Mutter kann ich verstehen, dass er alles tut, um seine Familie dem medialen Druck zu entziehen. Eine solche Belagerung, Paparazzi, die praktisch jeden ihrer Schritte verfolgen und fotografieren, dazu noch erfundene Stories – das ist kein angenehmes Leben. Ob sie damit die Medien loswerden, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Der Adel in Deutschland ist lange abgeschafft, trotzdem tragen nicht wenige Sprösslinge Ihre Titel wie einen Ausweis von Exzellenz vor sich her. Warum macht so ein Namens-Karneval eigentlich heute noch immer Eindruck auf viele Menschen?

Das liegt zum Teil auch an der ausufernden Berichterstattung. Wenn der so genannte europäische Hochadel auf jedem zweiten Zeitschriftentitel prangt, wird der Eindruck verfestigt, dass jemand etwas Besonderes sei, wenn sie oder er einen Adelstitel trägt. Falls man übrigens nicht viel leistet, versuchen manche als Adlige oder Adliger so einen Ersatz für Bedeutung zu finden.

Neben den Windsors sorgt auch der Clan der Hohenzollern für Schlagzeilen. Lebenslanges Wohnrecht in Schlössern wie Cecilienhof fordern die Nachfahren Kaiser Wilhelms II. Ihre Partei läuft Sturm dagegen. Haben Sie gar kein Verständnis für eine Großfamilie auf Wohnungssuche?

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Wir sollten uns schon entscheiden. Entweder ist der Adel als Machtfaktor abgeschafft, was auch mit entsprechenden Enteignungen schon in den 20er Jahren verbunden war, dann muss man auch nicht über Wohnrechte in Schlössern diskutieren. Oder man meint, die Kaiser-Nachfahren, die übrigens auch noch der Nazi-Diktatur Vorschub leisteten, sind heute noch wichtig für unser Land. In Deutschland wurde nach dem vom Kaiserreich ausgehenden 1. Weltkrieg die Republik ausgerufen, auf die wir stolz sein sollten, statt auf das Kaiserreich. Die Denkmalpflege ist etwas völlig anderes.

Adel verpflichtet, wozu würden sie den Adel gerne verpflichten?

Damit war die Hoffnung auf Moral und Sitte gemeint. Adlige dürfen selbstverständlich versuchen, diesbezüglich vorbildlich zu sein. Aber sie sind Bürgerinnen und Bürger wie jede und jeder andere im Land, mit den gleichen Rechten und Pflichten. Das „von“ soll ein normaler Bestandteil des Namens sein.

Noch mal zurück zu Ihrer Großmutter. Wie präsent ist das aristokratische Erbe in Ihrem Leben?

Na ja, für den Adel gehört man irgendwie zur Familie, wenn man im gleichen Haus wohnt. So dachte auch meine Mutter, sie hatte schon einen bestimmten Stil. Mein Vater war anders und letztlich herrschte bei uns eher Normalität.